NANGA PARBAT – Das Drama 1970 und die Kontroverse

NANGA PARBAT –

Das Drama 1970 und die Kontroverse

Im März 2010 erscheint das Buch “NANGA PARBAT – Das Drama 1970 und die Kontroverse” von Jochen Hemmleb. Es geht um das am häufigsten erzählte und am schärfsten debattierte Bergsteiger-Drama überhaupt:

Foto: Tyrolia Verlag

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Das Nanga-Parbat-Puzzle

Fakten, Fragen, Hintergründe zur Messner-Tragödie von 1970

Die Geschichte um Reinhold Messner und den Tod seines Bruders Günther 1970 am Nanga Parbat. Eine Tragödie voller Widersprüche, begleitet von Kontroversen, Verdächtigungen und Schuldzuweisungen. Die Ohffentlichkeit hat von dieser Geschichte stets nur die medienwirksamen Spitzen wahrgenommen, wie etwa zuletzt den Spielfilm “Nanga Parbat” von Joseph Vilsmaier. Die eigentlichen Fragen rund um Nanga Parbat 1970 lassen sich damit jedoch nicht wirklich beantworten.

Hatte Reinhold Messner damals die Überschreitung des Berges beabsichtigt? Oder war er auf der anderen Seite des Berges abgestiegen, weil es mit dem höhenkranken Bruder keinen anderen Ausweg gab? Warum hatte Messner nicht eindeutig auf eine Notlage hingewiesen, als zwei andere Expeditionsmitglieder in seiner Nähe vorbeistiegen? Warum hatten diese nicht versucht, ihn zu erreichen? War Günther erst am Wandfuß von einer Eislawine verschüttet worden? Oder war er schon vorher gestorben? Hatte die Expeditionsleitung versagt und versäumt, den verschollenen Messners zu Hilfe zu kommen?

Dokumentarische Spurensuche eines neutralen Beobachters

Jochen Hemmleb greift diese Fragen auf, gibt sich nicht mit einfachen Antworten und medienwirksamer Schwarz-Weiß-Malerei zufrieden – sondern hakt nach: Mit der gebotenen Distanz des unabhängigen Betrachters, mit klarem Blick für die Komplexität der Fakten und mit dem ihm eigenen detektivischen Spürsinn beobachtet und analysiert er die Geschehnisse um die Nanga Parbat Expedition 1970. Er hört die Stimmen aller Beteiligten, deckt Zusammenhänge auf und skizziert Entwicklungen, die die Ereignisse und Protagonisten in einem neuen, differenzierten Licht erscheinen lassen.

Neue Stimmen und unveröffentlichtes Archivmaterial

Erstmals konnte Jochen Hemmleb dabei auch den bekannten Bergfilmer Gerhard Baur für eine ausführliche Stellungnahme zu den Ereignissen gewinnen. In exklusiven Interviews schildert Bauer seine persönlichen Erinnerungen: Er war selbst Mitglied der Expedition 1970 und der Letzte, der Günther Messner sah und mit ihm sprach, bevor dieser sich anschickte, seinem Bruder zum Gipfel zu folgen. Weitere wichtige Puzzleteile zum Verständnis der Kontroverse liefert das sorgfältig recherchierte und teilweise noch unveröffentlichte Archiv- und Bildmaterial aus dem Deutschen Institut für Auslandsforschung – Prof. Dr. Herrligkoffer-Stiftung, welches die Dokumente der Expedition von 1970 bis heute verwaltet.

Ein Fachbuch mit Krimicharakter

So entstand die erste und einzige vollständige und unabhängige Darstellung, wie und warum die Messner-Tragödie zum größten Streitfall in der Alpingeschichte wurde – ein Buch, das unter die Haut geht, packend wie ein Krimi und doch fundiert und akribisch recherchiert wie ein Fachbuch.

Original-Ton des Autores zum Buch “Nanga Parbat – Das Drama 1970 und die Kontroverse”:

Jochen Hemmleb – Warum ein weiteres Buch… (mp3)

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Hier eine kleine Leseprobe:

Die zweite Seilschaft am Gipfel

Zur gleichen Zeit saßen Felix Kuen und Peter Scholz rund 2000 Meter höher in ihrem Biwaksack und warteten unter dem Südgipfel die Nacht ab. Was war bis dahin geschehen?

Nach der Rufverbindung zwischen Felix Kuen und Reinhold Messner hatten die beiden eine Stunde gerastet und waren dann links des Südgipfels aufgestiegen. Das Wetter verschlechterte sich, es begann zu schneien. Felix Kuen fühlte sich schwach. Er nahm eine Tablette des Aufputschmittels Pervitin, das auch schon 1953 Hermann Buhl bei dessen sensationellem Alleingang zum Gipfel zu Kräften verholfen hatte. Vom Grat nahe dem Südgipfel warfen Kuen und Scholz einen Blick über die Flanke hinab in Richtung Merkl-Scharte. Doch sie sahen oder hörten von den Messner-Brüdern nichts mehr. Der letzte Anstieg zum Hauptgipfel zog sich endlos. Peter Scholz fiel zurück.

Auch für Felix Kuen ging es an die Grenze. Sechs mühsam langsame Schritte, Pause, atmen, atmen, atmen. Dann wieder sechs Schritte ! Um 16 Uhr hatte die Quälerei für Kuen ein Ende: Er stand auf dem Gipfel des Nanga Parbat. Nachdem das erste Hochgefühl verflogen war, lief er am Gipfel umher und fotografierte die Ausblicke in alle Himmelsrichtungen: nach Westen hinab zur Merkl-Scharte und zum Mazenokamm, nach Norden und Osten zum Silberplateau und der Aufstiegsroute von Hermann Buhl und den Grat zur Südspitze entlang, über den sich Peter Scholz die letzten Meter emporschleppte. Kuen fand am Gipfel auch einen gefrorenen Filzklumpen – die Handschuhe Reinhold Messners, die er in diesem Moment aber nicht als diese erkannte. Um 17:30 Uhr stand Scholz schließlich neben ihm. Wortlos drückten sie sich die Hände.

Nach einer weiteren halben Stunde gemeinsam am Gipfel machten sich Kuen und Scholz an den Abstieg. Obwohl die zweite Seilschaft zu etwa der gleichen Tageszeit wie die Messner-Brüder – gegen 18 Uhr – den höchsten Punkt verlassen hatte, bewältigten sie an diesem Abend nur noch die rund 100 Höhenmeter bis hinab zu einem Platz, der knapp unterhalb des Südgipfels und bereits ein kurzes Stück in der Diamirseite lag. Dort richteten sie im Schutz eines großen Felsens ihr Biwak ein. Für die Freinacht in 8000 Meter Höhe waren Kuen und Scholz besser vorbereitet als die Messner-Brüder: Neben Rettungsdecken hatten sie Luftkissen als Sitzunterlage, einen Zwei-Mann-Biwaksack zum Hineinkriechen und Frostschutzsalbe. So wurden sie die ersten Besteiger des Nanga Parbat, die nach einem Biwak in der Gipfelregion ohne Erfrierungen zurückkehrten.

Die Merkl-Rinne ist versichert

Der weitere Abstieg von Kuen und Scholz am folgenden Tag sollte wesentlich erleichtert sein, da es Werner Haim, Gert Mändl und Hans Saler in der Zwischenzeit gelungen war, die Merkl-Rinne mit 300 Metern Fixseil zu versichern. Nach dem Aufbruch von Kuen und Scholz hatten die drei einige Stunden im engen Zelt von Lager V auszuruhen versucht und gegen 6 Uhr mit der Arbeit begonnen. Abwechselnd führten sie die einzelnen Seillängen. Der Voraussteigende setzte die Fels- und Eishaken, an denen die Seile befestigt wurden, während die Nachsteigenden das Seilmaterial trugen. Laut Werner Haim kamen sie so bis auf eine Höhe von ca. 7600 Meter.20 Dort waren ihre Seile aufgebraucht. Zudem hatte sich das Wetter verschlechtert. Schneetreiben setzte ein, die Lawinen- und Steinschlaggefahr im Sammeltrichter der Rinne nahm zu. Hans Saler schreibt heute, dass sie offensichtlich an jener Sperrstelle umgekehrt waren, die Reinhold Messner rechts umgangen hatte (vgl. S. 44ff.).

Während des Aufstiegs hatten sie Stimmen gehört. “Später stellte sich heraus: Wir hörten da Teile aus dem Dialog zwischen Reinhold und Felix”, meint Saler heute. Haim notierte damals: “Zum letzten Mal wurden sie [die beiden Messners; sic] am Ausstieg der Merkl-Rinne [!] von uns gehört.” Gert Mändl gab anscheinend später an, auch Günthers Stimme vernommen zu haben (vgl. S. 53). Und Alice von Hobe schrieb in ihrem Tagebucheintrag zum 28. Juni, die Versorgungsmannschaft habe berichtet, Stimmen beider Messner- Brüder gehört zu haben – die von Günther anscheinend sogar deutlicher als die von Reinhold!

Rätselraten

Gerhard Baur war an diesem Tag in Lager IV geblieben, hatte sich ausgeruht und für vorbeikommende Bergsteiger gekocht. Zunächst waren am Vormittag Hochträger Hidayat Shah, genannt “Sepp”, und Hermann Kühn eingetroffen, die beide eine Sauerstoffflasche aus Lager III hinaufgetragen hatten. Kühn schrieb über die Zeit bei Gerhard Baur: “Ich sitze 11/ 2 Std bei ihm, er erzählt mir von L5 und dem Start der Messners. Wir spekulieren herum über den Ausgang der Sache. Merkwürdig vor allem, dass die Messners noch nicht da sind.”

“Langsam machte sich unter uns eine Anspannung breit”, weiß Gerhard Baur zu berichten. “Beim Gedanken an die Überschreitung habe ich innerlich gehofft, dass niemand auf die andere Seite geht und dass am Ende beide Messners wieder zurückkommen – einfach damit alles gut abläuft. Andererseits war ich beruhigt, weil jetzt da oben so viele Leute unterwegs waren – zum Gipfel, beim Versichern usw.”

Am Nachmittag kamen Haim, Mändl und Saler aus der Merkl-Rinne zurück.

“Die waren ganz schön fertig. Da ich wusste, dass sie wieder ins Lager IV kommen würden, habe ich viel für sie gekocht. Wir haben dann gar nicht mehr so viel über die ganze Situation geredet. Sie haben von den Stimmen erzählt, aber relativ undramatisch. Wir haben nicht mehr groß darüber nachgegrübelt, weil ja die Möglichkeit bestand, dass die Messners inzwischen zurückgekommen waren und sich in Lager V aufhielten. Unsere einzige Sorge war zu diesem Zeitpunkt, dass sie mit so wenig Ausrüstung losgegangen waren.”

In Lager III hatte Hermann Kühn die stündlichen Funksprüche von oben mitgehört. Er bestätigte, dass die Versorgungsmannschaft berichtet hatte, “Stimmen von den Messners” gehört zu haben. Und er teilte die beginnende Besorgnis:

“Wenn Messners heute Abend nicht herunterkommen, müssen sie das 2. Biwak beziehen. Rätselraten.”

29. Juni 1970:

Abstieg ins Ungewisse

Ein einzelner Bergsteiger schwankt wie in Zeitlupe einen Schneehang hinab. Es ist

Günther. Ein Rauschen lässt ihn aufschauen. Er dreht sich um, blickt nach oben.

Hoch über ihm: Von einem Eisabbruch lösen sich einzelne Stücke, zerplatzen in der

Rinne unterhalb.

Günther strauchelt, fällt rücklings in den Schnee. Seine Augen starren ins Leere.

Der Strom der zerberstenden Eisstücke wird größer. In immer breiteren, schnelleren

Bahnen schießt er durch die Rinnen der Wand hinab.

(Die Kamera zoomt heran) Günthers Augen starren ins Leere

Die Lawine wächst zu einem reißenden Sturzbach an.

(Nahaufnahme) Günthers Augen starren ins Leere.

Wolken aus Eisstaub quellen aus den Rinnen, überspülen die Felspfeiler.

(Nahaufnahme) Günthers Augen starren ins Leere.

Wie ein Inferno bricht die Lawine über den Kessel am Fuß der Diamirwand herein.

Eine tosende Kaskade. Unübersehbar, unüberhörbar. Sie füllt das ganze Bild aus.

Es ist das Ende.

(Szene aus Nanga Parbat von Joseph Vilsmaier)

Das zweite Biwak der Brüder an der Mummery-Rippe glich laut Reinhold Messner mehr einer längeren Rast als einer Übernachtung. Bereits nach drei Stunden, als der Mond in die Flanke zu scheinen begann, setzten sie ihren Abstieg fort. Zwei schwarze Figuren in der nachtgrauen Wand. Auch jetzt ging Reinhold voraus, um den besten Weg auszukundschaften. Blockgelände, Felsstufen und Rinnen – etwa III. Schwierigkeitsgrad. Dazwischen immer wieder Absätze, auf denen sie kurz rasten konnten. Bei Tagesanbruch lag das Felsgelände hinter ihnen. Nun trennten sie nur noch leichte, apere Firnhänge vom Wandfuß, dann hätten sie den Abstieg überstanden. Die Spalten…

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Der Autor:

Jochen Hemmleb, geb. 1971, Diplom-Geologe, Autor, Vortragsredner und Fachberater im Bereich Alpinhistorik, lebt in Bozen. 1999 und 2001 initiierte und begleitete er die Suchexpeditionen nach Mallory und Irvine am Mount Everest, denen die sensationelle Entdeckung des 1924 verschollenen Himalaya-Pioniers George Mallory gelang. Mehrere Publikationen zu diesem Thema. 2004 führte ihn sein Faible für die historisch-detektivische Spurensuche im Gebirge zum Nanga Parbat.

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Jochen Hemmleb

Nanga Parbat

Das Drama 1970 und die Kontroverse

Wie die Messner-Tragödie

zum größten Streitfall in der Alpingeschichte wurde

232 Seiten, ca. 50 farb. und sw. Abb.,

15 x 22,5 cm, gebunden mit Schutzumschlag

ISBN 978-3-7022-3064-7

Quelle: Tyrolia-Verlag, Jochen Hemmleb

Schöne Bergtouren Team

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