Tourenbericht – Stubaier Höhenweg Juli 2008

Stubaier Höhenweg

1. Tag (Anreise nach Fulpmes, Bergfahrt zum Kreuzjoch und Aufstieg über die Starkenburger Hütte zum Schlicker See)

Gegen 14:45 Uhr traf ich mit dem Bus in Fulpmes aus Innsbruck ein. Das Wetter war fantastisch, und ich lief gemütlich von der Bushaltestelle zur höher gelegenen Talstation der Kreuzjochbahn. Nachdem ich das Terrain sondiert und meine Wanderroute auf der Panoramakarte der Bergbahn verfolgt hatte, fuhr ich mit der Gondel auf.

Ja mit der Gondel, denn ich wollte mir nicht schon am ersten Tag mit zusätzlichen 1163 Höhenmetern die Kante geben. Man soll ja schließlich gemütlich anfangen und sich dann von Tag zu Tag steigern. ;-)

Vor dem Panoramarestaurant am Kreuzjoch sortierte ich in Ruhe meine Ausrüstung und genoss den Blick auf die vor mir liegenden Kalkkögel.

Von der Bergstation an führte der “Stubaier Höhenweg” leicht ansteigend, rechts unterhalb von Kreuzjoch, Marchleitenfels zum c. Die Wiesenhänge leuchteten in einem saftigen Grün, überall blühten die Blumen, und die Sicht war an diesem Tag auch allererste Sahne. Am Sennjoch legte ich eine kleine Rast ein und betrachtete auf der anderen Seite des Stubaitales den Serles, die Kesselspitze und die Kirchdachspitze.

Der Weg führte danach unterhalb des Niederen und Hohen Burgstalles entlang. Dann und wann konnte man von den Felssprüngen die Tiefsicht ins Stubaital genießen.

Das Einzige, was die schönen Ausblicke etwas trübte, waren die vielen Eisenbarrieren, welche auf dem letzten Wegabschnitt zur “Starkenburger Hütte” hin verbaut waren. Sie sicherten Neustift gegen die Lawinen ab, welche vom Burgstall her auftreten konnten.

Links des Weges lagen ein paar faule Kühe in der Sonne und dösten vor sich hin. Nach einiger Zeit kam auf einer Anhöhe über dem Stubaital thronend die “Starkenburger Hütte” ins Blickfeld. Nach einem kleinen Zwischenspurt erreichte ich kurz nach 18 Uhr die Hütte und suchte mir ein schönes Plätzchen auf der Hüttenterrasse.

Die anderen Wanderer schauten wie immer wegen meines großen Hinkelsteins (Rucksack) etwas ehrfürchtig, aber das hatten sie umsonst. Ich gönnte mir ein „Edelweiss Weißbier” und sog die schöne Aussicht in mich hinein. Von hier konnte man den gesamten Kamm der Stubaitaler Alpen überblicken. Ich freute mich schon riesig auf die nächsten Tage.

Vom Hüttenwirt ließ ich mir das Hüttenbuch geben und trug mich sorgfältig ein. Man weiß ja nie, was passieren kann, wenn man alleine unterwegs ist. Ich schulterte meinen Hinkelstein und brach gegen 18:30 Uhr wieder auf, um mir ein schnuckliges Plätzchen zum Biwakieren zu suchen.

Von der “Starkenburger Hütte” stieg ich in Richtung des c auf und hielt mich links. Der Weg umrundete den Hohen Burgstall und führte in Richtung Schlicker Seespitze.

Überall auf den saftig grünen Wiesenhängen weideten Schafe und begleiteten mich ein Stück, wenn ich an ihnen vorbeikam. Nach einer Stunde kam unterhalb der Schlicker Seespitze das Seejöchl in Sicht. Dort am Schlicker See wollte ich übernachten. Ich stieg am See vorbei bis zum Seejöchl hinauf, um mir einen Überblick über das Terrain zu verschaffen.

Auf der Seite, wo ich biwakieren wollte, lag schon alles im Schatten, aber auf der anderen Seite des Seejöchl´s wurden die Berge in der Abendsonne gebadet. Ich stieg einige Meter hinab zu den Schlicker See und suchte mir ein schönes, ebenes Fleckchen.

Als Erstes knobelte ich an meinem neuen Tarp herum, wie ich diese am Besten abspannen und nutzen würde, falls es in der Nacht anfing zu regnen. Nach ein paar Minuten hatte ich den Dreh raus.

Sogleich warf ich meinen Gaskocher an und bereitete mir eine Portion Zigeunertopf zu. Da ich an diesem ersten Tag nur wenig gelaufen war, schaffte ich nur die Hälfte.

Ich säuberte die Kochutensilien und machte noch einige Fotoaufnahmen von der Landschaft. Gegen 22:30 Uhr legte ich mich dann zur Ruhe.

Auf der anderen Seite des Seejöchl´s sah man von einem Gewitter das Wetterleuchten, aber auf meiner Seite des Kammes blieb es klar, und nur der Wind pfiff hier ordentlich die Hänge herab.

Die erste Nacht schlief ich wie immer mehr schlecht als recht, da man sich erst wieder an die ungewohnte Höhe und Geräuschkulisse anpassen musste.

(Strecke: 12,10 km, Aufstieg: 676m, Abstieg: 377m, reine Gehzeit: 3h 35min)

2. Tag (Schlicker See – Franz-Senn-Hütte)

Um 7 Uhr wurde ich wach und setzte sofort das Wasser für Kaffee und Müsli auf. Es war kalt und weiter oben neblig, aber da musste man eben durch. Ich machte noch ein paar Fotografien von der Landschaft. Mit dem bewölkten Himmel sah alles wieder anders aus. Es war soweit windstill.

Nachdem ich mich mit Müsli und Kaffee gestärkt hatte, zog ich gegen 8:30 Uhr dann gemütlich los. Oben auf dem Weg waren schon die ersten Wanderer zu sehen, welche in der “Starkenburger Hütte” übernachtet hatten und in die gleiche Richtung den “Stubaier Höhenweg” liefen.

Ich erklomm langsam das Geröllfeld zum Seejöchl. Von hier aus verlief der Weg in südwestlicher Richtung knapp unterhalb des Steinkogels entlang. Leicht bergab ging es weiter in Richtung Sendersjöchl auf 2477m Höhe.

Dann und wann brach die Sonne kurz durch den bewölkten Himmel und beleuchtete die Bergkuppen. Vom Sendersjöchl konnte man die etwa 3,5km entfernte c schon sehen. Mein nächstes Zwischenetappenziel.

Die Seducker Hochalm ist die am höchsten gelegene Alm im Stubaital. Kurz nach 10 Uhr setzte ich den Weg fort, welcher gleichmäßig bis zur Seducker Hochalm bergab führte. Ab und zu war eine Felsenpassage zu bewältigen, aber nichts Besonderes.

Auf den Hängen leuchteten überall die Blumen, und kurz vor Erreichen der Seducker Hochalm kamen mir wieder einmal weidende Schafe auf dem Pfad entgegen. Um die Mittagszeit herum saß ich dann gemütlich bei einem Radler auf der Terrasse der Hochalm.

Friedel hieß der Besitzer der Alm, und sein Bruder Hermann war dieses Wochenende zu Besuch hier oben und beschäftigte die Gäste. Ein uriges Original und besonders unterhaltsam.

Nach der Rast betankte ich noch mein Camelbak an einem Brunnen nicht weit von der Almhütte, und dann setzte ich mich wieder in Bewegung. Der Himmel zog sich immer dunkler zu, aber noch war es trocken.

An Wiesen vorbei führte der Weg in den Bereich der Villergrube, wo überall Blumen bunt schimmerten und die Hänge im Bereich der Wasserfälle grün leuchteten. Man musste einige Bergbäche queren und etwas steilere Passagen überwinden.

Kurze Zeit später kam auch schon die “Franz-Senn-Hütte” nur knapp 2km entfernt in Sicht. Zu diesem Zeitpunkt setzte der Regen ein. Ich hielt an zog meine Regensachen über und die Regenhülle über den Rucksack. Als ich fertig war, war der Regen auch schon vorbei, aber 15 Minuten später öffneten sich die Himmelsschleusen richtig.

Die letzten 20 Minuten zur “Franz-Senn-Hütte” wurden dann eine feuchtfröhliche Angelegenheit. Bei dem Wetter hatte ich wirklich keinen Bock zu biwakieren, und eine geeignete Stelle war in der Umgebung auch nicht wirklich auszumachen.

Ich organisierte mir in der “Franz-Senn-Hütte” eine Schlafstelle und bekam ein Bett in einem 5-Bett-Zimmer zugewiesen, da die Lager alle ausgebucht waren.

Ich trug meine Ausrüstung auf das Zimmer und musste feststellen, dass die Tür doch abgeschlossen war. Wieder runter in den Gastraum, wo ich mir den Ersatzschlüssel organisierte und verblüfft feststellen musste, dass das ganze Zimmer komplett leer war. Ich besetzte sogleich das einzeln stehende Bett am Fenster.

Nachdem ich meine Ausrüstung zum Trocknen ausgebreitet hatte, schnappte ich mir meine Waschutensilien, um mich zu erfrischen. Im Waschraum stellte ich freudig fest, dass es kostenlose, warme Duschen gab. Da konnte ich also schön den Iltis bekämpfen und stank nicht mehr wie ein Bergvagabund.

Frisch duftend suchte ich mir ein Plätzchen im Gastraum und setzte mich zu einem älteren Ehepaar samt Tochter, welche ich unterwegs schon öfters gesehen hatte. Es gesellten sich noch Peter mit seinem Vater und dessen Freund Burkhardt dazu.

Es ward eine lustige Runde beim Bierchen, und einige Zeit labten wir uns an den kulinarischen Köstlichkeiten beim Abendessen. Ich genoss ein Tiroler-Knödel-Trio mit Butter und Parmesan, dazu einen kleinen Salat. Diese Köstlichkeiten rundete ich mit 2 Bieren ab.

Kurze Zeit später erkundete ich noch in einem Moment, wo es nicht mehr regnete, kurz die engere Umgebung der “Franz-Senn-Hütte“. Wieder in der Hütte wusch ich meine dreckigen Sachen in den Duschen und hängte sie auf dem Zimmer zum Trocknen auf. Es hatte immer noch keiner eingecheckt, und das Zimmer war somit noch leer.

Unten im Gastraum tranken wir und unterhielten uns gut. Einige am Tisch spielten Arschloch, und die anderen plauderten nur. Gegen 22 Uhr war Bettruhe angesagt, und welch ein Wunder, auf meinem Zimmer waren 2 Leute.

Wie sich herausstellte, waren es ein Arbeiter und seine Freundin, die hier oben am Tage zu tun hatten. Da aber nach den starken Regenfällen Muren den Weg hinauf zur “Franz-Senn-Hütte” unpassierbar machten, hatten die zweie in der Küche gesessen und auf Informationen aus dem Tal gewartet, ob der Weg nachts noch mit schwerem Gerät geräumt wird. Sie gingen dann zum Trinken noch mal in die Küche hinunter.

Nach einiger Zeit kamen sie wieder hoch zum Schlafen. Der Weg würde bis Morgen gesperrt sein, und so konnten die eigentlichen Gäste, welche das Zimmer reserviert hatten, nicht hoch und sie nicht runter. Das Zimmer war nur zu 3/5 belegt.

Da das Bett für mich zu klein war, schlief ich nicht so gut. Ich lag diagonal im Bett und meine Füße schauten heraus. Draußen regnete es noch immer, und die frische, kühle Bergluft strömte ins Zimmer.

(Strecke: 13,30 km, Aufstieg: 504m, Abstieg: 768m, reine Gehzeit: 5h 05min)

3. Tag (Franz-Senn-Hütte – Neue Regensburger Hütte)

So um 6:30 Uhr stand ich gut erholt auf, ein schneller Blick nach draußen ergab, dass es aufgehört hatte, zu regnen. Ich packte leise meine Ausrüstung zusammen und machte mich an die Morgenwäsche.

Kurze Zeit später saß ich unten im Gastraum über einem ordentlichen Frühstück und einem großen Kaffeepott. Ich aß gemütlich, und langsam kam auch mein Kreislauf auf Betriebstemperatur.

Nach kurzem Ausrüstungscheck brach ich einige Minuten später um halb 8 als Erster auf. Von der “Franz-Senn-Hütte” ging es in Richtung Oberbergtal. Aber anstatt abzusteigen, hält man sich etwas rechts und folgt dem leicht ansteigenden Pfad.

Der “Stubaier Höhenweg” führt in einer langen Rechtskurve ins c. Der Himmel war schön blau, und unter mir im Oberbergtal schwebten vereinzelt Wölkchen. Wie es bis jetzt aussah, sollte der Tag schön und sonnig werden.

An einem kleinen, klaren Bergbach erfrischte ich mich, und dann ging es auch schon weiter. Der Weg führte in leichten Zickzack-Kurven die Platzengrube hinauf. Kaum dachte man, dass man den Schrimmennieder bald erreicht hat, da musste man wieder etwas absteigen und die nächste Höhenstufe erklimmen.

Das Ganze wiederholte sich mehrere Male. Mal war man auf Felsen unterwegs, dann überquerte man Bäche, oder arbeite sich Geröllfelder hinauf. Der Weg führte bald im Schatten der Berge entlang, und so zog ich mir meine Weste an, um mich nicht zu erkälten.

Gegen 11 Uhr erreichte ich die letzte lang gezogene Passage vor dem Schrimmennieder auf 2714m Höhe. Ca. 30 Minuten später stand ich auch schon auf der Scharte und genoss den Ausblick ins Unterbergtal und zurück ins Oberbergtal.

Am Schrimmennieder waren noch einige Meter Altschnee aufgetürmt, und weiter rechts der eigentliche Weg, der klettersteigtechnisch hinunterführte, sah mit einem Hinkelstein auf dem Rücken nicht so ideal aus. Ein Pärchen probierte die Passage links im schlammigen Geröllhang aus, und sie kamen auch einigermaßen ordentlich runter.

Ich wählte die gleiche Route und arbeitete schwer mit meinen Trekkingstöcken, um nicht an einem Stück den Hang hinunter zu rutschen. Mehr schlecht als recht kam ich unterhalb der Schneebarriere an. Von hieraus führte der Weg durch den Schrimmen bergab.

Mittlerweile stand links und rechts des Weges wieder vereinzelt Gras, ein Stückchen tiefer weideten Schafe, und rechter Hand des Wegs pfiffen Murmeltiere.

Nach einer knappen Stunde kam ich an eine Weggabelung. Links führte der Pfad hinunter in Richtung “Neustift” und rechts zur “Neuen Regensburger Hütte“, welche sich ca. 1km Luftlinie entfernt oberhalb eines Hanges befand. Linker Hand hinter der Hütte waren die “Greifspitze” und der “Pfandlnieder” zusehen.

Ich hörte einen Helikopter und sah die Bergwacht im Anflug auf die “Neuen Regensburger Hütte“. Ca. 10 Minuten später startete er wieder und flog auf demselben Weg zurück. Wie ich später erfahren sollte, hatte sich der Hüttenwirt ordentlich in die Hand gesäbelt. Frisch genäht kam er dann abends wieder zur Hütte hinauf.

Meine nass geschwitzte Kleidung hing ich für die Zeit meiner Rast an dem Wegweiser auf. In der 20 minutigen Pause verzehrte ich ein, zwei Müsliriegel und spülte das Ganze mit Bergwasser aus meinem Camelbak hinunter.

Von dieser Stelle führte der Weg unterhalb des Schaflegers gemütlich in Kurven zur “Neuen Regensburger Hütte“. Gegen 14 Uhr nur knappe 30 Minuten später erreichte ich schließlich die Hütte. Der Hüttenhund begrüßte mich freundlich. Ich stellte meinen Rucksack ab und holte mir ein frisch gezapftes Bier. Mit dem Bier in den Händen erkundete ich die Gegend um die Hütte etwas.

Ich kann nur sagen, dass die Lage traumhaft ist. Vor der Hütte fällt der Hang steil ins Stubaital nach Falbeson ab. Hinter der Hütte erstreckt sich das Hohe Moos mit seinen weitläufigen, sumpfartigen Wasserflächen. Das Wasser vom Gletscher und den anderen Bergbächen sammelt sich hier drin an und strömt mit starker Kraft als Falbesoner Bach an der “Neuen Regensburger Hütte” vorbei, bevor es einen Wasserfall nur ein paar Meter entfernt hinunter ins Tal stürzt. Am Ende des Tales blickte man auf die Grabwand, und etwas links davon befand sich der Grabagrubennieder, wo es am nächsten Tag hinübergehen würde.

Ich saß mit Peter, seinem Vater und Burkhardt neben der Hütte auf ein paar flachen sonnengewärmten Felsen und wir genossen bei einem Schwätzchen noch das eine oder andere Bier an diesem Nachmittag.

Da die Hütte überbucht war, aber die Gesellschaft der Menschen sehr gut, fragte ich die Hüttenwirtin, ob ich in der Hütte essen und trinken dürfe, aber die Nacht in der Nähe der Hütte draußen biwakierend verbringen könne.

Sie gab mir ihr Ok aber sagte, ich solle irgendwo außer Sicht gehen, da die Umgebung sich schon im Naturschutzgebiet befand. Ich erkundete die umgebenden Hügel und Felsen. In einer kleinen Senke fand ich ein schönes windgeschütztes Plätzchen mit herrlicher Aussicht über den Bergkamm auf der anderen Seite des Tales.

Ich spannte meine Zeltplane ab und gesellte mich dann wieder zu den Anderen neben der Hütte. Gegen 20 Uhr aßen wir auf der Hüttenterrasse hinten, und wo es langsam kühler wurde, verzogen wir uns in den gewärmten Gastraum.

Nebenan an mehreren Tischen entlang war eine Truppe vom Skiklub „Heinsberg“ aus dem Sauerland verteilt. Die Gesellschaft sollte ich in den nächsten Tagen öfter treffen. Um 22 Uhr war Nachtruhe angesagt und, als die anderen auf ihre Lager oder Zimmer in der Hütte hinaufgingen, schulterte ich mein Gepäck und lief im Lichtkegel meiner Stirnlampe zu meiner Nachtstätte.

Ich fotografierte noch ein paar Mal die beleuchtete “Neuen Regensburger Hütte” und ließ die Naturkulisse auf mich wirken. Danach kroch ich in meinen Schlafsack und schlief gleich ein.

(Strecke: 9,25 km, Aufstieg: 596m, Abstieg: 536m, reine Gehzeit: 4h 07min)

4.Tag (Neue Regensburger Hütte – Mutterbergalm)

Als sich der Horizont über dem Habicht und der Elferspitze rot färbte, war es gerade kurz nach halb sechs. Bis auf ein paar vereinzelte Wolkenbänder war der Himmel soweit klar. Die Bergsilhouetten färbten sich rötlich, und 30 Minuten später ging die Sonne hinter der Elferspitze auf.

Ich legte meinen Schlafsack zum Lüften draußen auf einem Felsen hin. Den Gaskocher einsatzbereit gemacht, blubberte nach kurzer Zeit mein Kaffeewasser. Es war durch die Morgensonne schon so warm, dass ich mit freiem Oberkörper da saß und mein Müsli futterte. In Ruhe trank ich meinen Kaffeepott aus und packte, nachdem alles in der Sonne getrocknet war, meine Ausrüstung zusammen.

Um kurz nach halb acht war ich soweit abmarschbereit und ging noch mal zur “Neuen Regensburger Hütte” hinunter. Ich erledigte mein dringendes Termingeschäft ;-) und befüllte noch meinen Camelbak. Der Weg führte hinter der Hütte am “Hohen Moos” entlang in Richtung “Falbesoner See”.

Überall plätscherte und gurgelte das Bergwasser, welches sich vom Gletscher und den anderen vielen Zuflüssen hier sammelte und so diese weite Schilf- und Wasserfläche bildete. Von Zeit zu Zeit hüpfte man von Stein zu Stein, um keine nassen Füße zu bekommen.

Der Weg führte in leichten Kehren die Geröllfelder hinauf. Eine Herde weidender Schafe kam blökend hinter mir her getrottet, als ich an ihnen vorbei schritt. Die Viecher begleiteten mich eine Weile, bis ich kurz hinter dem Falbesoner See war.

Den See konnte ich von hier noch nicht sehen, da er ca. 20 Meter höher lag. Von hier aus machte der Weg einen Schwenk zum c auf 2881m Höhe hinüber. Man zog langsam an den rechtsliegenden Ausläufern der Rudolfspitze, dem Grabawandferner samt Grabwand sowie dem Hochmoosferner vorbei.

Die Scharte, wo der “Stubaier Höhenweg” hinaufführen musste, war jetzt schon erkennbar. Gegen 10 Uhr erreichte ich ein unterhalb des Grabagrubennieder gelegenes Altschneefeld. Hier sah man die Spuren der anderen Wanderer schnurstracks das Schneefeld hinaufführen und darüber im klettersteigartigen Gelände verschwinden.

Als sich die bunten Punkte (Menschen) am Hang bewegten, realisierte ich die Größenverhältnisse. Die Steigung in Angriff nehmend, arbeitete ich mich Step für Step hinauf. Erst die Trekkingstöcke setzend, dann sich ordentlich Fuß für Fuß eingrabend erklomm ich den steilen Hang.

Schön ruhig und vorsichtig gewann ich langsam an Höhe, immer bedacht nicht das Gleichgewicht zu verlieren und den ganzen Hang wieder hinunterzusausen. Oft rutschte ich weg oder brach mit einem Fuß tief in der Schneedecke ein.

Schnaufend und schwitzend erreichte ich das Ende des Schneefeldes. Von hieraus führten Drahtseile die Felsen hinauf. Ca. 120 Höhenmeter unter mir hatten gerade Leute mit dem Anstieg begonnen.

Ich ruhte mich 10 Minuten aus und betrachtete das unter mir stattfindende Schauspiel. Wieso sollte es den Anderen auch besser ergehen als mir …. Mit dieser Erkenntnis ging es an die letzten 50 Höhenmeter.

Durch meine mit Kevlar übergezogenen Klettersteighandschuhe konnte ich mich gut an den Steighilfen und Drahtseilen festhalten, ohne mir die Hände aufzureißen. So gegen 11 Uhr erreichte ich das Ende und stand auf dem Grabagrubennieder.

Ganze 60 Minuten hatte ich von unten gebraucht, aber die Aussicht entschädigte mich wieder dafür. Ich rastete ca. 15 Minuten und schaute mir in Ruhe den Weg an, wo ich heute Morgen gestartet war. Schon ein gutes Stück Arbeit für den Vormittag heute, aber der Tag war ja noch nicht so alt.

2 Müsliriegel später brach ich wieder auf und ging langsam den über die Geröllfelder führenden Weg hinunter. Auf der anderen Seite des Stubaitales sprangen einem die Gletscher des Zuckerhütl und des Wilden Freigers ins Auge.

Der Weg führte über die c bergab und dann wieder an einer klettersteigähnlichen Anlage zwischen Gamsspitze und Schafspitze empor. Nach einer Weile erreichte ich einen Wasserfall, an dem ich mein leeres Camelbak wieder auffüllte.

Über 3 Liter Wasser hatte ich heute auf dieser Etappe schon weggetrunken. Ich betrachtete in Ruhe die Landschaft auf der gegenüberliegenden Seite des Tales. Nur ca. 2km Luftlinie entfernt, war auf der anderen Seite die “Dresdner Hütte“, zu sehen. So nah und doch so fern. Der Weg war nämlich doppelt so lang, da man bis zum Talende und von dort auf der anderen Seite wieder zurück musste.

Ideal sah die Umgebung der “Dresdner Hütte” von hier nicht aus. Überall Geröllfelder, Baufahrzeuge, welche die Skipisten erweiterten, und Laster. Ich musste mir also noch was einfallen lassen, um heute ein schönes Plätzchen zum Biwakieren zu finden.

Auf der anderen Talseite, aus der Richtung der Mutterbergalm zog ein Gewitter auf. Um wieder ordentlichen Dampf auf dem Kessel zu bekommen, spülte ich 2 Portionen Elotrans mit viel Wasser hinunter.

Das Gewitter kam schnell näher, aber wie es aussah, nicht über den hinter mir liegenden Bergrücken hinüber. Ich beschleunigte meinen Abstieg etwas und passierte links, rechts, auf der Mitte des Weges herumlungernde Schafe. Im Slalom ging es um sie herum und so gegen 14 Uhr erreichte ich den Mutterberger See.

Von hieraus konnte man in ca. 1,5km Entfernung die Stelle sehen, wo der Weg in der Wilden Grube auf die vom Berg führende Wirtschaftsstraße traf. Einige Minuten später hielt ich an, um die Regenausrüstung überzuziehen, kurz bevor das Gewitter mich erreichte und es, anfing zu regnen.

Zum Glück war es nur von kurzer Dauer und es schlugen keine Blitze diesseits des Bergrückens ein. Schnell pellte ich mich wieder aus den zusätzlichen Sachen, um nicht zu stark aufzuheizen.

Gegen 16 Uhr erreichte ich die Brücke in der Wilden Grube, dort wo der “Stubaier Höhenweg” auf die Wirtschaftsstraße trifft. Ich rastete kurz und musste jetzt eine Entscheidung fällen.

Entweder 200 Höhenmeter aufsteigen, am Egesengrat vorbei und dann hinunter zur “Dresdner Hütte” und vielleicht ein Biwakplätzchen finden oder die Wirtschaftsstraße in Richtung “Mutterbergalm” absteigen und sich hier auf den grünen Wiesen ein geeignetes Plätzchen suchen.

Da ich heute schon einige anstrengende Höhenmeter hinter mir hatte und die Etappe in meinen Muskeln und Knochen spürte, entschied ich mich für den Abstieg. Einigermaßen flotten Schrittes wanderte ich die Straße bergab. Dann und wann donnerte ein Kipper an mir vorbei ins Tal. Sie kamen jetzt oben aus dem Skigebiet am Gamsgarten” und der “Dresdner Hütte” zum Feierabend hinunter.

Es war kurz nach sechs, als ich nach 4km und 600 Höhenmetern Abstieg an der “Mutterbergalm” ankam. Leider war nirgends ein gemütliches Plätzchen zum Biwakieren auszumachen, es gab hier nur jede Menge Parkplätze. Ich checkte erst einmal die Öffnungszeiten der “Bergbahn” an der Talstation, damit ich am nächsten Tag gleich mit der ersten Bahn wieder hochfahren konnte.

Danach ging ich zur Bushaltestelle und musste feststellen, dass der letzte Bus auch schon weg war. Es half nichts, ich machte mich zu Fuß talwärts auf den Weg. Entweder waren die Flächen zubetoniert, zu abschüssig oder aber Kühe weideten auf den brauchbaren Plätzchen. Nach ca. 3km entlang der Straße kam ich erfolglos an der Grawa Alm an. Da es gerade anfing kräftig zu regnen, fragte ich dort nach einer Übernachtungsmöglichkeit.

Die Mädels verneinten dies, und so fragte ich freundlich, ob Sie mich nicht vielleicht ins Tal mitnehmen könnten, wo ich irgendwo in einer Pension oder so unterkommen könnte. Sie antworteten, dass es kein Problem sei, ich müsste nur noch etwa eine halbe Stunde warten, bis Sie mit Aufräumen fertig seien. In der Zwischenzeit zog ich mir trockene Sachen an, wartete draußen und genoss den Ausblick auf den Grabafall.

Mein Rucksack passte gerade so in den Kofferraum hinein, und ich nahm hinten auf der Rückbank bei zwei von den Mädels Platz. Eine telefonierte zwecks einer Übernachtungsmöglichkeit auf der Autofahrt rum und wurde bei ihrer Tante in “Neustift” fündig. Sie setzten mich in “Neustift” ab und ich bedankte mich herzlich.

In der Pension angekommen machte ich mich sofort auf den Weg, um Geld neu abzuholen sowie um 2-3 Biere zum Abendessen zu erwerben. Wieder in der Pension zurück ging ich erst mal duschen und rasierte mich mal wieder.

Die Ausrüstung hatte ich überall im Zimmer ausgebreitet, und meine schmutzige Kleidung wusch ich auch gleich durch, soweit es notwendig war. Als alles erledigt war, bereitete ich mir meine Fertignahrung zu und genoss dazu das kühle Bier. Beim Fernsehen plante ich meinen nächsten Tag durch.

Ich musste ja mit dem Bus wieder zurück zur “Mutterbergalm“, dann mit der “Bergbahn” zur “Dresdner Hütte” auffahren, und dann konnte ich den “Stubaier Höhenweg” wieder fortsetzen. Gegen 23 Uhr schlief ich dann selig in dem Doppelbett ein.

(Strecke: 17,8 km, Aufstieg: 781m, Abstieg: 1460m, reine Gehzeit: 6h 30min)

5.Tag (Dresdner Hütte – Grünausee)

Gegen 7 Uhr stand ich gut ausgeschlafen auf. Frisch geduscht nahm ich das Frühstück im  Gastraum der Pension im untersten Geschoss ein. Es waren noch 3 italienische Familien da und frühstückten ebenfalls.

Ordentlich gestärkt packte ich meine Ausrüstung zusammen und ging nach Ausgleichen meiner Zeche in Richtung Bushaltestelle. Von hieraus ging die Fahrt zur Talstation der “Bergbahn” an der “Mutterbergalm“. Ich fuhr mit der Gondel zur “Dresdner Hütte” hinauf.

An der Bergstation herrschte eifriges Bautreiben. Die Skiabfahrten wurden verändert, an der “Dresdner Hütte” wurde gebaut, und auch sonst waren überall in der Umgebung irgendwelche Baumaterialien abgestellt. Es war auf jeden Fall gestern eine gute Entscheidung gewesen, hier abends keinen Biwakplatz mehr zu suchen.

Kurz nach 11 Uhr begann ich den Aufstieg zum 350m höher gelegenen Peiljoch. Erst ging es gemütlich in Kehren immer weiter höher, und dann wurde der Pfad immer steiler und schmaler. Von hier hatte man die ganze Zeit eine schöne Aussicht in die Tiefe.

Dann und wann musste ich eine Pause machen, um einige Gruppen italienischer Kinder vorbeizulassen, welche vom Peiljoch abstiegen. In diesen Pausen betrachtete ich auf der anderen Talseite in Ruhe die Landschaft, welche ich gestern durchquert hatte. Weiter oben wurde es kühler, und so zog ich meine Weste an.

Gegen 12 Uhr erreichte ich dann das Peiljoch. Überall waren Steinmändle aufgebaut, und die Aussicht dahinter auf den Sulzenauferner und das Zuckerhütl war auch fantastisch. Auf dem Gletscher sah man 2 Bergsteiger-Gruppen, welche sich zum Gipfel des Berges hocharbeiteten.

Ich genoss die prächtige Aussicht und machte hier gleich meine Mittagspause. Im Anschluss stieg ich hinab zum Anfang des  Sulzenaubaches, dort wo er aus dem Schmelzwasser des Gletschers entspringt. Der Weg folgte dem Fluss entlang immer weiter bergab, und man passierte dabei die Stromschnellen und Wasserfälle.

Nach und nach wurde die Umgebung immer grüner, und eine gute Wegstunde später kam die “Sulzenau-Hütte” langsam in Sicht. An der Hütte war jede Menge los, da die Hütte aus Richtung der Grawa Alm gut erreicht werden konnte.

Da die Zeit nicht drängte, legte ich hier wieder eine Rast ein und gesellte mich zu den Truppenteilen des Skiklubs Heinsberg, welche schon vereinzelt eingetroffen waren. Man kannte sich ja jetzt schon vom Sehen über die letzten Tage.

Ich genoss mein Bier auf der Terrasse vor der Hütte und sonnte mich. Bei den Tischgesprächen bekam ich mit, dass die anderen am nächsten Tag mit einem Bergführer auf den Wilden Freiger steigen wollten. Ich äußerte mein Interesse an dem Vorhaben, wenn sich der Preis in Grenzen halten würde, da ich solche Extra-Ausgaben nicht eingeplant hatte.

Sie fragten in der “Sulzenau-Hütte” den Hüttenwirt, und dieser kümmerte sich darum. Gegen 17 Uhr bekamen wir dann von ihm die Nachricht, dass der Bergführer am nächsten Morgen um 06:30 Uhr hier eintreffen würde und wir um diese Zeit komplett abmarschbereit sein sollten.

Ich klärte den Treffpunkt an der Seescharte mit der Truppe für den nächsten Tag ab und brach langsam auf, um dem aufziehenden Regen noch zu entkommen. Da ich ja schweres Gepäck hatte, bräuchte ich morgen ordentlich Vorsprung, damit wir ungefähr gleichzeitig an der Seescharte auf 2762m ankommen würden.

So stieg ich in Ruhe den Weg in Richtung c auf. Nach der Passage über einen Zufluss des Sulzenaubaches erreichte ich gegen 18:15 Uhr den Grünausee. Der tiefblaue Bergsee lag idyllisch unterhalb des Gamsspitzl´s.

Auf der dem Tal zugewandten Seite des Sees war es ringsum grün. Das ideale Plätzchen zum Biwakieren. Von hier blickte man zum Wilden Freiger Ferner und der Bergspitze auf 3418m Höhe empor, wo es am nächsten Tag hinaufgehen sollte.

Ich baute meine Schlafstelle auf und erfrischte mich erst einmal im arschkalten Gletscherwasser des Bergsees. Um kurz nach 19 Uhr erreichte mich dann endlich der Regen, welchen ich schon seit dem Aufbruch von der “Sulzenau-Hütte” erwartet hatte. Er dauerte nur ein paar Minuten, und ich schaute dem Naturschauspiel von meinem Unterschlupf unter der abgespannten Zeltplane zu.

Nachdem es aufgehört hatte zu regnen, warf ich den Gaskocher an und bereitete mir mein Abendessen zu. Das Ganze spülte ich mit frischem Gletscherwasser hinunter. Langsam wurde es kühler, und ich zog mir wärmere Sachen über. Nachdem ich das Geschirr abgespült hatte, ging ich den Hang etwas weiter hinauf, um den Sonnenuntergang über den Bergen zu genießen.

Ich setzte eine Positionsmeldung per SMS ab, da ich hier sogar minimalen Empfang hatte. Gegen 21 Uhr rückte ein kräftiges Gewitter an, und der Himmel öffnete die Schleusen. Die Blitze schlugen in den umliegenden Bergen ein, und der Donner hallte kräftig hinüber. Von Schlafen konnte bei dem Himmelsfeuerwerk bis ca. 23 Uhr keine Rede sein. Aber als der Spuk dann endlich vorbei war, schlummerte ich entspannt ein.

(Strecke: 13,1 km, Aufstieg: 621m, Abstieg: 602m, reine Gehzeit: 3h 04min)

6.Tag (Grünausee – Wilder Freiger – Nürnberger Hütte)

Um 05:30 Uhr klingelte meine Armbanduhr, und es war Zeit aufzustehen. Ich schmiss den Gaskocher an, um mir meinen morgendlichen Frühstückskaffee zuzubereiten. Heute futterte ich eine extragroße Schüssel Müsli und beeilte mich sehr, um abmarschbereit zu sein. Die Sonne tauchte den Wilden Freiger in ihr morgendliches Glühen.

Gegen 7 Uhr war ich dann auf dem Weg. Noch einmal kurz zur “Sulzenau-Hütte” zurückgeblickt, aber von den anderen war noch nichts zu sehen. Langsam startend, dann zügiger arbeitete ich mich den Bergpfad empor.

Gegen 8 Uhr sah ich meine heutige Begleitung in der Ferne auftauchen. Ich folgte den roten Wegmarkierungen, bis diese auf einmal verschwanden. Ich suchte einige Minuten systematisch die Umgebung ab und konnte sie in ca. 50m Entfernung wieder erspähen.

Rechts unterhalb der Seescharte lag noch ein altes Restschneefeld, aber die Markierungen führten mich links davon im schneefreien Geröllfeld empor. Ich hüpfte von Felsen zu Felsen und das Terrain wurde immer steiler, bis plötzlich wieder keine Markierungen mehr zu sehen waren.

Ich setzte mein Gepäck ab, um das abschüssige Gelände besser erkunden zu können. Ich entdeckte schließlich ein, zwei Markierungen links am Felsband. Den Hinkelstein wieder auf dem Rücken folgte ich den Zeichen. Das Gelände bestand jetzt nur noch aus feuchtem, kleinem Geröll und war extrem abschüssig.

Mit den Trekkingstöcken kräftig abstützend arbeitete ich mich schnaufend Stück für Stück hoch. Zwei Schritte vor, und einen Schritt rutschte man wieder herunter. Das größere Problem bestand darin, dass die Markierungen jetzt komplett verschwunden waren. Es gab rechts über die mannshohen Felsen auch keine Möglichkeit mehr, um auf die Schneefeldseite des Hanges auszuweichen.

Das Adrenalin pumpte durch meinen Körper, und die Truppe aus Heinsberg kam näher und stieg über das Restschneefeld auf. Der Bergführer spurte, und sie arbeiteten sich im Zickzack langsam den Anstieg zur Seescharte hinauf. Ich schaute die mir verbliebenden Resthöhenmeter vor mir an und fluchte.

Es galt noch ca. 60 Höhenmeter, zu überwinden. Meine Pumpe raste, der Atem ging schwer und das Adrenalin durch den ganzen Körper fließend kam ich der Seescharte immer näher. Nur die Ruhe bewahren, denn eine falsche Bewegung, und ich würde 200m den Geröllhang hinunter rauschen.

Was für ein beschissener Auftakt an diesem doch ansonsten wunderschönen Morgen in den Bergen. Es lief zum Glück alles so weit gut, und ich kam bis auf ca. 30 Meter unterhalb der Seescharte hinauf. Hier endete das rutschige Schlamm-Geröll-Gemisch, und glatte Felsplatten begannen. Auf allen Vieren kletterte ich über die Platten und hielt mich an Rissen fest.

Meine Arme und Beine waren schwer, ich war klitschnass, und die Pumpe arbeitete im roten Bereich. Ca. 10m unter der Seescharte ging es mit dem schweren Rucksack nicht mehr weiter. Ich hatte auf den glatten Felsplatten nur schmale Leisten zum Hochziehen zur Verfügung. In dem erschöpften Zustand war mir das Risiko einfach zu groß, hier nach 440 Höhenmetern noch einen Abgang zu machen.

Ich drehte mich vorsichtig mit Rücken und Rucksack zu einer Einbuchtung im Felsen um und streifte vorsichtig meinen Rucksack ab. Den Rucksack ließ ich dort liegen und stieg die letzten Meter ohne Ballast auf. Oben in der Seescharte wartete ich erschöpft auf die Ankunft der Truppe.

Den Bergführer Rudi freundlich begrüßend fragte ich ihn nach einem Bergseil, und ob er so hilfsbereit wäre, und bei der Bergung meines Rucksackes mitwirken könnte. Er sagte, es sei kein Problem und ein Bergseil bräuchten wir dazu auch nicht. Ich führte ihn zur ungefähr 40 Meter entfernten Stelle und er stieg leichtfüßig hinunter.

Als er allerdings den Hinkelstein sah und anhob, fing er an zu fluchen. Er brachte ihn ordentlich hinauf, hatte aber auch ganz schön zu tun. Bei mir angekommen fragte er mich, ob ich noch alle Latten beisammenhätte, mit so einem schweren Rucksack unterwegs zu sein und dass ich die Hälfte ausschütten und entsorgen sollte.

Ich erklärte ihm, dass ich alleine unterwegs war und eben draußen biwakierte. Ich hatte halt eine komplette Ausrüstung und Essen für eine Woche allein zu schleppen. Aus diesem Blickwinkel betrachtet zollte er mir Respekt. Die Rucksäcke würden wir alle hier an der Scharte zurücklassen und nur mit Windjacke, Steigeisen, Wasser, Müsliriegel, Sonnencreme, Klettergurt und Seil bewaffnet weiter aufsteigen.

Durch den beschissenen Zustieg zur Seescharte hatte ich die Hälfte meines Adrenalins, Ausdauerkraft und Kondition schon vor dem Zustieg zum Wilden Freiger verbraten. Ich warf mir 3 Packungen Elotrans, 2 Müsliriegel ein und spülte das Ganze mit viel Wasser hinunter. Nach 20 Minuten konnte das Unternehmen „Wilder Freiger“ beginnen.

Der Bergführer „Rudi“ erzählte mir später, dass ein Felsabbruch den ganzen markierten Weg zur Seescharte hinauf verschüttet und ich deswegen keine Markierungen mehr gefunden hätte. Normalerweise führen die Markierungen durch das Felslabyrinth weiter oben auf die rechte Seite zum Schneefeld hinüber, und der Aufstieg stellt kein Problem dar.

Ich ging als Letzter hinter der Gruppe her, um in Ruhe wieder meine Energiereserven aufzubauen. Wir stiegen langsam immer höher, da Rudi erst mal sehen wollte, wie es um die Kondition der Gruppe bestellt war. Nach einer knappen Stunde war ich wieder einigermaßen fit.

Es ist schon erstaunlich, wie leichtfüßig man über die Felsen eilt, wenn man plötzlich mal ohne die schwere Last der letzten Tage unterwegs ist. So hatte ich trotz meines morgendlichen kräftezehrenden Aufstieges keinerlei Probleme, mit den anderen mitzuhalten.

Auf 3000m Höhe passierten wir eine Gruppe Bergziegen, welche neben uns frech auf den Felsen herumsprang, und kurze Zeit später überquerten wir das erste Schneefeld. Die Sonne brannte, der Himmel war blau, und der Schnee warf das Sonnenlicht blendend zurück. Links unter uns lagen zwei kleine blau schimmernde Bergseen.

Kurze Zeit später führte der Weg an einem Grat empor, und wir mussten etwas klettern. An den Ausläufern des Gletschers kamen wir gegen 11 Uhr an. Wir seilten uns jetzt an, aber gingen ohne Steigeisen weiter. Schnee und Eis waren im Moment so weich, dass es nicht notwendig war, die Steigeisen anzulegen.

Gletscherflächen und Geröllflächen wechselten sich einige Male ab, und so kamen wir nach einer guten halben Stunde an einem alten Zollhäuschen an. Dieses stand nur ca. 400m vom Gipfel entfernt. Hier auf dem Bergkamm verlief nämlich die italienisch-österreichische Grenze.

Um zum Gipfel zu gelangen, ging es von hier aus die letzten Meter über den Grat. Linker Hand ging es ca. 400m hinunter und auf der rechten Seite noch viel tiefer und um einiges steiler und weiter. Um Mittag erreichten wir das Gipfelkreuz, und es gab hier am Ziel ein ordentliches „Berg Heil“.

Die Aussicht von hier oben auf 3418m Höhe war gigantisch. 200 Höhenmeter unter uns lag auf einer kleinen Felskuppel am Ebenferner das “Becherhaus“. Trotz der zahlreichen Wolkenverbände hatte man eine gute Sicht auf den ganzen Alpenkamm. Da das Wetter sich in der Ferne immer mehr bewölkte und unbeständig wurde, machten wir uns nach nur 20 Minuten Gipfelaufenthalt an den Abstieg.

Von diesem Logenplatz ging es wieder über den Grat herunter. Am Rand des Gletscherfeldes seilten wir uns wieder an, und ich stieg als Erster voraus und spurte für unsere Gruppe. Gegen Ende des Gletschers, dort wo es sehr steil wurde, ging ich rückwärts hinunter.

Stufen in den Schnee hauend ging es zügig bergab, bis ich plötzlich auf pures glattes Eis trat und abrutschte. Andreas fiel als Nächster, und dann kam auch noch Philip hinterher. Ich streckte alle Glieder von mir, um zu bremsen, und kam nach 2-3 Metern zum Halt. Als ich mich adrenalindurchströmt umsah, waren es nur noch ca. 2 Meter bis zum Gletscherende.

Ich wurde das letzte Stück vorsichtig am Seil runtergelassen, und die anderen folgten auch sehr vorsichtig. Nach dem kurzen aber kräftigen Schreck ging, es zwischen den Felsen weiter bergab. Kurze Zeit später seilten wir uns wieder ab und gingen getrennt weiter.

Um 14 Uhr schließlich erreichten wir wieder die Seescharte, wo wir unsere Rucksäcke zurückgelassen hatten. Wir zogen uns um und legten die Ausrüstung ab. Nachdem wir uns bei unserem Bergführer „Rudi“ bedankt hatten und die Geldformalitäten auch erledigt waren, fragte ich Rudi noch, wo wir in der nächsten Zeit auf dem Weg zur “Nürnberger Hütte” unsere Wasservorräte wieder auffüllen könnten. Er sagte, dass auf dem Weg jede Menge Möglichkeiten dazu seien.

Nach den Strapazen war nämlich mein Camelbak komplett leer gesaugt, aber so brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Ich nahm aus Andreas Wasserflasche einen ordentlichen Schluck, und dann brachen wir auch schon auf. Rudi ging wieder die Seescharte hinunter in Richtung “Sulzenau-Hütte“, und wir stiegen in Richtung “Nürnberger Hütte” ab.

Ich ließ die Truppe mit ihrem leichten Gepäck vorgehen. Gegen 15 Uhr fing es dann an zu regnen, und über dem Tal schwebte ein Regenbogen. Mein Mund war trocken, und ich hatte jetzt schon einen Mordsdurst, aber alle Bachverläufe, an denen man vorbeikam, waren ausgetrocknet.

Nach einer weiteren halben Stunde kamen endlich die “Nürnberger Hütte” in Sicht und außerdem ein klarer Bergbach. Ich warf meinen Rucksack sofort ab und kniete auf allen Vieren am Bach. Mit beiden Händen schöpfend genoss ich das kühle Bergwasser, welches mir noch nie so wohlschmeckend gemundet hatte. Nach 2 Stunden nichts zu Trinken und den 500m Höhenunterschied war es eine wahre Wohltat und schmeckte einfach herrlich.

Ich machte hier eine kurze Pause und setzte dann zum Endspurt über die letzten Meter zur “Nürnberger Hütte” an. Hier an der vollen Terrasse angekommen, setzte ich in Ruhe meine Ausrüstung ab und machte mich auf die Suche nach den Leuten vom Skiklub.

Die Hütte war voll, und ein paar der Sauerländer fand ich in einem von den Gasträumen. Ich stellte mich an der Schlange beim Ausschank an und holte mir ein frisch gezapftes Radler. Was für ein Geschmacksfeuerwerk nach der Durststrecke von der Seescharte herunter.

Kurz Zeit später fing es draußen wieder an zu regnen und wollte gar nicht mehr aufhören. Ich ging kurz zu meinem Rucksack hinaus und stülpte die Regenhülle wieder darüber, ließ ihn aber draußen an die Hüttenwand gelehnt stehen.

Etwas später holte ich ihn doch in die krachendvolle Hütte herein, da ich mir frische Sachen anziehen wollte. Als ich den Hüttenwirt sah, gab ich ihm meine Steigeisen, welche wir hier auf der Hütte abgeben sollten. Außerdem erkundigte ich mich nach einer guten Möglichkeit zum Biwakieren nicht weit von der Hütte entfernt.

Er teilte mir mit, dass ich dem Weg von der Hütte einfach ein kurzes Stück bergab folgen sollte und sofort hinter der ersten Kurve, etwas oberhalb des Hangs erkunden sollte. Hier sind so 4-5 Meter über dem Weg ein paar gute ebene Wiesenflächen. Ich bedankte mich, und kurze Zeit später nahm ich mein Waschzeug und frische Sachen aus meinem Rucksack, um mich dann im Waschraum zu duschen.

Das Wasser war arschkalt, und so wurde die Erfrischung gründlich aber sehr schnell. Nach der Erfrischung fühlte ich mich wieder sauwohl. So reanimiert ging ich zurück in den Gastraum, um mir ein weiteres Radler zu gönnen. Die Truppe war jetzt in den hintersten Gastraum umgezogen, und so gesellte ich mich wieder mit an den Tisch.

Es wurde wieder eine lustige Unterhaltung, und ich tauschte mit Andreas und Philip die Adressen, damit wir nach der Tour die geschossenen Fotos austauschen könnten. Wir bestellten unser Abendessen vor, und gegen 20 Uhr wurde dann für unseren Tisch serviert. Draußen hatte es endlich aufgehört zu schütten, und die anderen fragten mich ob, ich morgen, die Tour auch weiter in Richtung Bremer Hütte machen würde. Ich erwiderte, dass ich mir noch nicht ganz schlüssig sei und ich es morgen entscheiden würde.

Für heute war ich erst einmal k.o., das Wetter sollte ab morgen unbeständig werden, und mein Geldvorrat hatte sich durch die Kosten für den Bergsteiger auch um Einiges verringert. Ich würde morgen früh spontan entscheiden. Gegen 21 Uhr verabschiedete ich mich schon von der Truppe, da ich mir ja noch einen Biwakplatz suchen musste.

Mein Gepäck wieder aufgesattelt ging es hinaus in die frische Luft auf die Suche nach einem guten Plätzchen für die Nacht. Der Hüttenwirt hatte recht gehabt, kaum 200m von der Hütte entfernt fand ich im Schein meiner Stirnlampe oberhalb des Weges einige gute Flächen. Ich entschied mich für ein ebenes Plätzchen neben einem Bergbach.

Nach kurzer Zeit hatte ich meine Zeltplane wieder abgespannt und mein Nachtlager hergerichtet. Ich nahm noch ein paar aufgelöste Multivitamin- und Magnesiumtabletten zu mir und genoss die herrlich klare Bergluft nach dem langen Regen. Alsbald schlummerte ich gemütlich ein, auch der nun einsetzende Regen und das Donnergrollen von den Bergen störten mich nicht im Geringsten.

(Strecke: 9,87 km, Aufstieg: 1080m, Abstieg: 1172m, reine Gehzeit: 5h 14min)

7.Tag (Nürnberger Hütte – Spitz)

Die Nacht hatte ich tief und fest durchgeschlafen, und als ich endlich wach wurde, war es schon kurz nach 9 Uhr. Fast 3 Stunden später, als ich üblicherweise in den Bergen wach werde. Die Anstrengungen des vergangenen Tages hatten ihren Tribut letztlich gefordert.

Die Sonne schien, und ich hörte öfter unterhalb von mir auf dem Weg Wanderer in Richtung Tal absteigen. Meine Muskeln und Glieder vorsichtig prüfend und streckend stand ich endlich auf. In der Sonne war es sehr schön warm. Meine Muskeln waren steif, und am linken Knie hatte ich eine Zerrung und mein linker Ellenbogen war vom gestrigen Sturz auf dem Gletscher lädiert. Ich war also nicht zu 100% einsatzfähig, mein Geldbeutel war auch arg dezimiert, und das Wetter sollte die nächsten Tage auch unbeständig werden.

Ich entschied mich dafür, die Tour abzubrechen und heute ins Tal abzusteigen. Nächste Woche ging es ja schließlich schon zum “Fjällräven Classic” nach Schweden, hoch und da sollte ich wieder 100%ig fit sein. Ich würde heute über Innsbruck und München  nach Altenstadt zu Günni fahren und mit ihm morgen im Auto zurück nach Berlin. So konnte ich noch das Geld für die Rückfahrt nach Berlin sparen.

Ich legte meine feuchten Sachen überall auf die umliegenden Felsen, damit sie in der Sonne trocknen konnten. Das schöne Wetter genießend machte ich mir Eierkuchen mit Apfelmus zum Frühstück, dazu einen großen Pott frischen Kaffee. So trödelte ich dahin, und kurz nach Mittag begann ich dann den Abstieg ins Langental. Gemütlich ging es bergab, und ich sog noch einmal die herrliche Landschaft in mich hinein.

Gegen 14 Uhr saß ich dann an der Langentalalm und ließ mir zwei frische Krüge Milch schmecken. Nach kurzer Rast machte ich mich an den weiteren Abstieg zur Bushaltestelle nach Spitz.

Auf den Bus wartend durchdachte ich die letzten Tage noch einmal und kam zu dem Schluss, dass es eine wunderschöne Bergtour ist und ich die fehlenden 2 ½ Tagesetappen noch irgendwann nachholen werde. Kurze Zeit später kam schon der Bus, und ich befand mich auf dem Rückweg in die Heimat.

(Strecke: 5,6 km, Aufstieg: 63m, Abstieg: 860m, reine Gehzeit: 1h 20min)

Zur kompletten Bildergalerie der Tour in den Stubaitaler Alpen:

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