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Dolomiten Cross 2010 – “The Perfect Line” – Die neue Vortragsreihe von Bernd Ritschel…

Dolomiten Cross 2010 - Bernd Ritschel

Dolomiten Cross 2010 – “The Perfect Line” –

Die neue Vortragsreihe von Bernd Ritschel…

mit einem neuen Vortrag ist der bekannte Outdoor- und Bergfotograf Bernd Ritschel in diesem Frühjahr unterwegs. Thema des Vortrags ist eine herausfordernde Durchquerung der Dolomiten in Nord-Süd-Richtung im Sommer 2010.

Nach dem gelungenen Skitransalp-Debut 2009 hat Bernd Ritschel zusammen mit drei Freunden im Sommer 2010 die Dolomiten in ihrer gesamten Nord-Süd-Ausdehnung überklettert. Im Vordergrund standen auch diesmal nicht neue Rekorde, sondern wieder die Natur, das Klettern, verschiedene Höhenwege, Klettersteige und der Spaß in den Bergen.

Dolomiten Cross 2010 - Bernd Ritschel

Foto: Bernd Ritschel

 

Die Route führte über viele der höchsten Dolomiten-Gipfel, unter anderem die Marmolada, den Langkofel, Piz Boe und Sas Rigais. Das Team (Marion Wittmann, Andi Pöll, Christian Speer, Bernd Ritschel) hatte jedoch auch von Anfang an die komplette Kletterausrüstung im Rucksack und konnte dadurch große Klassiker wie die Langkofel Nordkante, die Schleierkante aber auch moderne Sportklettereien wie die Delenda Carthago klettern. Dazu viele schöne Klettersteige zwischen Geislergruppe und Pala und natürlich zahlreiche berühmte Höhenwege wie Teile des “Dolomiten Höhenweges Nr. 2” oder den Bindelweg. 12 Tage waren nötig, um ohne Liftunterstützung bzw. ohne Fahrzeug die 205 Kilometer sowie mehr als 17.000 Höhenmeter zu bewältigen.

Bernd Ritschel erzählt in diesem neuen Vortrag nicht nur von den oft anspruchsvollen und langen Tourentagen, sondern auch von persönlichen Höhen und Tiefen und von der lebenswichtigen Notwendigkeit, in den Bergen spontan, flexibel und auch kompromissbereit zu sein. Abgerundet wird der Vortrag durch viele eindrucksvolle Dolomiten-Landschaften zwischen Vintl und Feltre – zwischen Pustertal und Piave. Ein perfekter Vortrag, um Lust auf den Frühling und den Sommer zu machen.

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Das Dolomiten Cross 2010 Tagebuch:

1. Tag – 25.08.2010

Wir sind endlich unterwegs. Ela, meine Frau, fährt uns nach Vintl. In einer alten Bar bekommen wir einen nur lauwarmen mauen Latte Macchiatto der uns noch lange schwer im Magen liegen wird. Auf einer Forststraße am Orstrand sortieren wir ausgelassen die Ausrüstung und verabschieden uns von Ela. Über Nacht hatte es stark geregnet, aber jetzt ist das Wetter ist relativ gut, nur ein paar Wolken und angenehme Temperaturen. Im Wald stehen direkt am Wegrand riesige, perfekte Steinpilze. Christian, unser “Schwammerl-Liebhaber” will schon fast abbrechen und ist in seiner Leidenschaft der Verzweiflung nahe. Erst weit oben am Kamm kommen wir in die Sonne. Wir laufen, endlich. Wir können es kaum glauben. Auf einem wunderschönen Höhenweg gehen wir immer in Kammnähe nach Süden, vorbei an großen überlaufenen Hütten, aber auch an kleinen Almen und urigen Hütten. An der Wieseralm machen wir Brotzeit. Die alte Wirtin ist total nett und bringt uns eine gigantische Brettljause. Dazu 8 Apfelschorle. Die geplante Übernachtung in der Turnaretschhütte verlegen wir aufgrund ihrer ziemlich unschönen Lage. Schon mit etwas müden Beinen gehen wir weiter zur Mauraberghütte die traumhaft liegt . Endlich sehen wir zumindest den Nordrand der Dolomiten. Wir sitzen auf der Hüttenterrasse und schauen rüber auf den Peitlerkofel (2875 m) im Naturpark Puez-Geisler.

Wanderszene Dolomiten Cross am Astjoch, Suedtirol, Italien. – Foto: Bernd Ritschel

 

Die Nordwand ist noch nass von dem Starkregen letzte Nacht. Lange diskuttieren wir über die Klettermöglichkeiten und nasse Nordwände. Auch die ursprünglich geplante Furchetta-Nordwand rückt in weite Ferne. Da alle Nordwände nass sind, haben wir uns für übermorgen den Livanos-Pfeiler, benannt nach einem berühmten französischen Kletterer, auf der Südseite der Geislergruppe als nächstes Kletterziel ausgesucht. Letzte Quellwolken stehen über dem Heiligkreuzkofel als wir abends früh ins kuschlige Bett gehen.
(Tag 1: 25 Kilometer und 1800 Höhenmeter)

Peitlerkofel vom Mauraberg, Suedtirol, Italien

Peitlerkofel vom Mauraberg, Suedtirol, Italien. – Foto: Bernd Ritschel

 

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2. Tag – 26.08.2010

Auch ohne Wecker wache ich früh auf. Beim Blick aus dem Fenster sehe ich die letzten Sterne verblassen. Schnell bin ich angezogen und steige leise die knarzende Holztreppe hinunter Richtung Ausgasng. Die Luft ist kristallklar. Über eine Stunde fotografiere ich im Licht der aufgehenden Sonne. Nach dem Frühstück steigen wir ratschend zum Würzjoch ab. Um den eindrucksvoll da stehenden Peitlerkofel ziehen noch Nebelschwaden. Über weite Wiesen und Hänge steigen wir weiter auf, in der Scharte deponieren wir die überflüssige Ausrüstung. Auf dem teilweise versicherten südseitigen Anstieg zum Peitlerkofel, unseren ersten “richtigen” Dolomitengipfel sind wir absolut nicht alleine.

Wanderszene am Peitlerkofel, Suedtirol, Italien

Am Peitlerkofel, Suedtirol, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

Das Wetter ist super mit perfekter Fernsicht vom Großglockner über die Zillertaler Alpen bis zum Ortlergebiet. Lange bleiben wir oben und schwelgen in dieser gigantischen Szenerie. Nach dem Abstieg zur Schlüterhütte, und einem excellenten Mittagessen dort, folgt eine lange Höhenwanderung um die Geislergruppe herum zur Regensburger Hütte (2037 m). Der normalerweise schweißtreibende Anstieg in die Roascharte liegt spätnachmittags im Schatten. Die Schlüterhütte war ein Traum in perfekter Lage, mit netten Wirtsleuten und gutem Essen. Die Regensburger Hütte brachte uns dann wieder auf den Boden der “Alpenvereins-Realität” zurück. Abgefertigte Menschenmassen und eine leblose , Umsatzorientierte Atmosphäre. Nach einer akzeptablen Nacht im Nebenhaus sahen wir zwar durch große Fenster unser Thermoskannen-Frühstück, kamen aber nicht dran da wir vor verschlossenen Türen standen. Uns geht es supergut, trotz der langen Etappe. (Tag 2: 23 Kilometer und 1700 Höhenmeter)

Wasserscharte, Geislergruppe, Suedtirol, Italien

Wasserscharte, Geislergruppe, Suedtirol, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

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3. Tag – 27.08.2010

Für heute haben wir uns eigentlich eine alpine Kletterroute vorgenommen, den Livanos-Pfeiler. Der schlechte Wetterbericht lässt uns jedoch nachdenklich im Licht der Stirnlampen Richtung Einstieg steigen. Bereits ab Mittag sollen schwere Gewitter kommen, deshalb auch der extrem frühe Aufbruch. Aber schon jetzt in der Dämmerung sind eindeutig zu viele Wolken am Himmel. Von Norden drücken tiefhängende Wolkenbänke über die Gipfel. Nach einer langen Diskussion entscheiden wir uns für die Überschreitung der Sas Rigais.

Sas Rigais, Dolomiten, Italien

Sas Rigais, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

Der Livanospfeiler  hätte inklusive Abstieg sicher sieben oder acht Stunden gedauert. Durch das anstehende Schlechtwetter haben wir schon im Aufstieg eindrucksvolle Wolkenstimmungen, tolles Licht und sind natürlich allein am Gipfel. Den Abstieg geht es im Eiltempo hinunter, schon um 10 Uhr sind wir wieder an der Regensburger Hütte. Nach ein paar ernsten Worten mit der Wirtin präsentiert sie uns ein großes Frühstück auf der Terasse – mit Spiegelei und Speck. Nach dem Abstieg ins Grödnertal nach Wolkenstein beginnt es zu schütten. Unsere Intuition war also Richtig.
(Tag 3: 20 Kilometer und 1100 Höhenmeter)

Sas Rigais, Dolomiten, Italien

Sas Rigais, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

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4. Tag – 28.08.2010

Morgen steht mit der Langkofel-Nordkante eine lange alpine Tour an. Deshalb lassen wir es heute ganz gemütlich angehen. Bei super Wetter wandern wir von Wolkenstein zum Sellajoch (2244 m), über uns immer der gewaltige Klotz des Langkofel. Die Zeit vergeht mit entspannten Gesprächen. Wir träumen von der Nordkante, spüren aber den Respekt vor dieser großen Tour. Am Sellajoch angekommen, wollen wir eigentlich am Nachmittag eine Ruhepause einlegen. Dann der viele Fels, Traumfels. Kletterer sortieren vor der Hütte ihre “Hardware“, andere kommen zurück und erzählen von genialen Seillängen. Dann hält uns nichts mehr.

Langkofel, Dolomiten, Italien

Langkofel, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

Spontan und ungeplant stehen wir eine Stunde später am Einstieg der “Delenda Carthago” (6b) mit sechs Seillängen. Auf dem Weg zum Einstieg bläst eisiger Nordwind, in den schattigen Nordwänden liegt sogar noch Schnee vom Vortag. Am Einstieg entsteht dann doch etwas Hektik, zum einen weil noch andere Seilschaften rumstehen, aber auch weil wir noch nicht wirklich eingespielt sind. Nach den ersten Seillängen läuft es – endlich! Eine Seillänge ist schöner als die andere. Der Abstieg erfolgt barfuss, aus Gewichtsgründen hatte ich die Schuhe am Einstieg gelassen. Zurück im Sellajochhaus (2180 m) gehen wir früh ins Bett. Wir haben sichtlichen Respekt vor der Langkofel-Nordkante. Ein langer Dolomiten-Klassiker, mit 1000 Höhenmetern und 1500 Klettermetern. Nach dem Abendessen warten wir auf Ela und Clarissa, ich freue mich riesig als ich die beiden endlich umarmen kann. Spät am Abend packen wir die Rucksäcke für den Langkofel.
(Tag 4: 12 Kilometer und 1000 Höhenmeter)

Delenda Carthago (6b), Dolomiten, Italien

“Delenda Carthago” (6b) – Foto: Bernd Ritschel

 

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5. Tag – 29.08.2010

Nach einem spartanischen “Thermoskannen-Frühstück” gehen wir mit Stirnlampen Richtung Einstieg. Aufgrund der falschen Beschreibung landen wir viel zu weit links. Nach einer ersten Seillänge ins Niemandsland klettere ich wieder ab und wir suchen und finden endlich den richtigen Einstieg. Aber weder Kamine noch Rinnen (wie im Führer fälschlich beschrieben) führen hinein in die konkave Wand: eine schwach ausgeprägte Rampe führt uns nach oben. Das Ambiente ist einfach genial, der Fels nur gelegentlich etwas brüchig, das Wetter perfekt. Wir machen Tempo. Nur ab und zu schieße ich ein paar Bilder. Vor allem wenn wir auf die zweite Seilschaft warten. Wie sich herausstellt, ist die Bewertung IV+ im steilen Dolomitenfels der Langkofel-Nordkante schwieriger als üblich.

Langkofel, Dolomiten, Italien

Langkofel, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

Man sollte also bei dieser Klettertour deutlich mehr als einen Vierer draufhaben. Dazu gibt es kaum Haken, bei einer Vierer-Seillänge nur einer auf 45 Meter. Der Fels ist teils brüchig und noch nass vom Regen von vorgestern. Über glatte Platten kommen wir in das Rinnen und Kaminsystem Richtung Scharte. Aber weit schwerer als III+. In der Scharte essen wir eine Kleinigkeit. Dann kommt ein satter Vierer und anschließend die Schlüsselseillängen in vereisten und steilen Rissen. Es ist zudem extrem kalt. Diese Passagen sind genauso schwer wie die Schleierkante. In den nordseitigen Schlüsselseillängen hängen sogar Eiszapfen. Eine alpine Klettertour, die nur selten gemacht wird.

Langkofel, Dolomiten, Italien

Langkofel, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

Trotzdem habe ich viel fotografieren können, was die Aufstiegszeit natürlich verlängert hat. Nach einem kurzen Grat wird es endlich leichter. Seilfrei klettern wir im Bruch zum Gipfel. Ich bin überglücklich!! Der vierstündige Abstieg vom Gipfel des Langkofels mit langen Passagen im zweiten Schwierigkeitsgrad und mehrmaligem Abseilen hat uns noch mal volle Konzentration abverlangt. Die steilen Abseilpassagen, die eisige Rinne, Im großen Kessel mit den Gletscherresten dann bizarre Wolken. Zuletzt endlich Markierungen. Nach einer letzten 40 Meter Abseilfahrt  durch eine steinschlaggefährdete Schlucht und endlosem Auf und Ab erreichen wir endlich die Langkofelscharte. Kurzes Gespräch mit Hüttenwirt, er erzählt vom schnellsten Dolomitenkletterer – solo 48 min. Im Licht der Stirnlampen kommen wir nach einer meiner längsten und aufreibendsten Touren spätabends wieder am Sellajochhaus an. Nach 16 Stunden! Am ganzen Langkofelmassiv haben wir keinen Menschen getroffen. Mit Ela, Shirin und Clarissa haben wir dann noch zig Sandwiches gegessen und viel getrunken. Wir sind völlig erschöpft und brauchen einen Ruhetag.

Langkofel, Dolomiten, Italien

Langkofel, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

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6. Tag – 30.08.2010

Der heutige Schlechtwettereinbruch kommt uns gerade Recht. Wir sitzen entspannt im Gastraum des Sellajochhauses, planen für die nächsten Tage und schauen zu, wie draußen der Schnee fällt. Zwischendrin ein Mittagsschlaf, ein wenig Gymnastik sowie der ein oder andere Espresso. Am Nachmittag gibt es einen Ausflug nach Wolkenstein. Wir kaufen Verpflegung ein, blättern in Führer und genießen eine grandiose Pizza.

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7. Tag – 31.08.2010

Beim Blick aus dem Fenster wird eines ganz schnell klar: der Pößnecker Klettersteig ist oben verschneit, die Felsen sind vereist, d.h. wir werden heute wieder spontan die Route ändern müssen. Mein Gefühl sagt ganz klar: “außen rum“!!  Über den Pass bläst wieder ein eisiger Wind, die ganze Stimmung ist düster. Uns bleibt nichts anderes überig als ein paar Kehren auf der Sellajoch-Straße abzustiegen und in beginnendem Schneefall von Süden übers Val Lastiés aufzustiegen zur Boéhütte (2871 m), wo wir bei dichtem Schneefall einkehren. Der Wirt erzählt uns von seinen Marmolada Südwandrouten und Bergabenteuern bei Schneefall. Mit feuchten Augen erzählt er vom Lawinenunglück und der Rettungsaktion mit den vier Toten Bergrettern und Bergführern.

Piz Boe, Sellagruppe, Dolomiten, Italien

Piz Boe, Sellagruppe, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

Die Landschaft draussen ist bizarr, oben wütet der Sturm. In der Ferne entdecken wir einsame Gämsen. Im heulenden Schneesturm besteigen wir nach dem Aufwärmen den Piz Boé (3152 m). Ohne Pause geht es in der Kälte sofort den Südwestgrat hinunter und weiter direkt zum Pordoijoch. Die letzten freien Zimmer ergattern wir im feudalen Albergo Savoja. Um es kurz zusammen zu fassen: das Essen ist super, die Mitarbeiter sind nett dafür ist die Sauna mäßige und kalt.
Hier unten umgeben uns wieder grüne Wiesen, die Wolken reißen auf und werden vom Fönsturm weggeblasen. Morgen wollen wir zur Marmolada und versuchen über den versicherten Westgrat aufzusteigen. Erfahrung mit verschneiten und vereisten Klettersteigen haben wir ja jetzt.

Piz Boe, Sellagruppe, Dolomiten, Italien

Piz Boe, Sellagruppe, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

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8.Tag – 01.09.2010

Der perfekte Tag! Wir starten vom Pordoijoch in der Morgendämmerung hinauf Richtung Bindelweg. Wenig später erleben wir eine ungewöhnlich farbintensive Morgenstimmung. Blutrot werden im Osten die letzten Wolken von der aufgehenden Sonne beleuchtet. Bei bestem Wetter folgen wir dann dem Bindelweg zum Lago di Fedaia (am Fuß der Marmolada; 2053 m). Beschwingt wandern wir dahin. Ein leichtes Auf und Ab, superschön. Nach einem kurzen Abstecher stehe ich allein in einer Scharte mit genialem Blick nach Norden auf den Piz Boe, das Heiligkreuzgebiet und den tief verschneiten Hauptkamm. Zusammen mit Marion steige ich ratschend auf Richtung Marmolada. Ich will mich gerade nicht anstrengen……

Bindelweg, Dolomiten, Italien

Bindelweg, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

Nach einer wirklich guten Minestrone im Rifugio Pian dei Fiacconi (2625 m) folgt wir eine Querung unter dem Mamoladagletscher (Ghiacciaio della Marmolada) nach Westen. Die gemütliche Hütte liegt trist im Skigebiet, aber die jungen Wirtspaar, die gute Musik und das gute Essen retten die Stimmung. Ein Espresso rundet wie immer unsere Mittagspause ab. Der anschließende Aufstieg über den Gletscher zur Forcola Marmolada (2910 m) ist tief verschneit (20-30 cm Neuschnee), so dass wir ohne Steigeisen problemlos hochkommen. Vor dem gestrigen Schneefall wäre der Aufstieg bei Blankeis mit unseren relativ leichten Schuhen kritisch wenn nicht unmöglich gewesen. In den Felsen der Scharte machen wir ein Depot.

Marmolada, Dolomiten, Italien

Marmolada, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

Der Marmolada-Klettersteig über den Westgrat ist gigantisch schön. Über uns verbindet ein wolkenloser Himmel die vielen Gipfel. Der ganze Grat entpuppt sich jedoch als total vereist und verschneit. Auch die Bänder und Kamine der oberen Südwand sind voller Schnee. Unsere geplante Kletterroute durch diese Wand können wir vergessen! Schließlich erreichten wir mit der Punta Penia (3342 m) den Hauptgipfel der Marmolada. In der kleinen Gipelhütte teilt uns der Wirt mit, dass heute der schönste Tag des ganzen Sommers ist. Dabei sind die Bedingungen winterlich, im Norden ist der gesamte Alpenhauptkamm vom Ortler bis zum Großglockner tief verschneit. Die Luft ist kristallklar, mit Blick nach Süden bis zur Poebene und der Adria.
Der Abstieg – tja. Natürlich landschaftlich schön, aber lang. Zurück im Grünen lassen wir es uns im Rifugio Contrin (2016 m) so richtig gut gehen. Feinste Zimmer mit Dusche, dazu gutes Essen, aber wieder ein Thermosfrühstück, für mich mit Apfel und Käse.
(Tag 8:  20 Kilometer und 1800 Höhenmeter)

Marmolada, Dolomiten, Italien

 

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9.Tag – 02.09.2010

Aufbruch in der Dämmerung. Ein kalter Wind weht das Tal hinauf. Auf den Felsen liegt eine erste dünne Reifschicht. Oben in der Sonne lockt ein weiterer Dreitausender, der Sasso Vernale. Marion ist eiskalt, sie lässt den Gipfel aus und geht direkt rüber in die Scharte und damit in die wärmende Sonne. Wir steigen über Schotterfelder weiter auf in eine enge Scharte. Endlich stehen auch wir in der Sonne. Gegenüber der Pelmo, im Gegenlicht eingerahmt von gestaffelten Bergketten. Der Gipfelgrat ist brüchig, das Gelände exponiert. Alte Stellungen aus dem Krieg zeugen vom menschlichen Wahnsinn. Der Gipfel ist klein, schön und einsam. Gegenüber steht die Marmolada-Südwand. Dann Querung zur Marion. Die Schotterfelder sind, zumindest weiter oben beinhart gefroren, dann aber super angenehm um schnell und kraftsparend Höhe abzubauen. Es ist heute ein Abstieg in die Wärme und ins Grüne.

Monte Pelmo, Dolomiten, Italien

Monte Pelmo, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

Zuletzt folgen vier Kilometer auf der Strasse zum Passo Pelegrino. Auch dort genießen wir in einer “Agrikultura-Hütte” mittags wie immer Spiegelei und Speck. Der Aufstieg durch Wälder, über Pisten und einen kleinen Pass ist wenig spektakulär. Erst am Passo Valles tauchen wir wieder in die felsigen Dolomiten ein. Die wohl verdiente Stärkung dort: heiße Schokolade und Kuchen. Erinnerungen werden wach. Eine großartige Landschaft mit riesigen Felswänden und tiefen Tälern begleitet uns. An der Cima Venegiota vorbei steigen wir auf zum Rifugio Mulaz (Rif. Volpi al Mulaz, 2560 m). Zuletzt staunen wir über einen gigantischen weißer Ausbruch. Die Wirtin hat diesen Bergsturz live gesehen, alles muss gewackelt haben wie bei einem Erdbeben. Rund um die Hütte ist warlich nicht sommerlich, sondern eher spätherbstlich alpin: die Risse, Gipfel und Wände sind teilweise verschneit und vereist, dazu weht ein kalter Wind. Die Atmosphäre in der Hütte ist unfreundlich und kalt, das Ambiente schäbig, die Betten schlecht. Der wirklich positive Aspekt: ein paar nette Engländer mit schwarzem Humor heitern den Abend spürbar auf.
(Tag 9: 30 Kilometer und etwa 2300 Höhenmeter)

Civetta, Dolomiten, Italien

Civetta, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

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10. Tag – 03.09.2010

Heute sind wir von der Mulazhütte bei gutem Wetter auf dem Dolomitenweg 2, der hier Sentiero delle Farangole heißt, über den Passo delle Farangole (2932 m) mit Klettersteigeinlage zum Rifugio Rosetta alias G. Pedrotti (2581 m) gewandert. Plausch mit hübscher Dreadlok-Wanderin. Die Hütte super, liebevoll eingerichtet, nette Wirtsleute die ihren Job leben. Bio-Nüsse gekauft. Wir haben dort Brotzeit gemacht, sind kurz auf dem Höhenweg weiter und dann über drei Klettersteige zum Rifugio Velo della Madonna (2358 m) gequert, um morgen die Schleierkante an der Cima della Madonna (2752 m) zu machen.

Via Ferrata del Velo, Dolomiten, Italien

Via Ferrata del Velo, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

Die letzten 2 bis 3 Stunden hat es geregnet, es war ein wenig unangenehm. Aber trotzdem sind wir recht gut über die Klettersteige gekommen. Mystische Szenerie zum Teil. Deutsche AV-Wandergruppe überholt. Wir sind heute 14 Kilometer und 1300 Höhenmeter in sechs Stunden gelaufen, also eine mittlere Etappe. Die Hütte ist wunderschön. Klasse kernige Wirtin, kurze Haare, die weiss was sie will. Haben sogar heiß geduscht, wir waren durchfroren und müde heute. Am Abend dramatische Wolken, alles ein wenig bizarr. Wir sind guter Dinge, dass das Wetter morgen gut wird, so dass wir die Schleierkante klettern können.

Via Ferrata del Velo, Dolomiten, Italien

Via Ferrata del Velo, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

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11. Tag – 04.09.2010

Nachts hat es nochmals geregnet, der Fels ist nass und kalt. Aber wir wollen die Schleierkante unbedingt versuchen. Die Kletterei beginnt exponiert, an den umliegenden Bergen hängen schwere Wolkenbänke. Der Fels ist eiskalt, die anderen haben gefühllose Finger. Mir wird schnell warm, der alte “Alpinpower” meiner Jugend kommt wieder. Ich ziehe durch und übernehme die Führung. Andi und ich sind schnell, aber auch Christian gibt im Vostieg Vollgas. Die erste Schlüsselstelle ist schwer, nur alte Rostgurken. Wir klettern im eisigen Schatten einer Westkante, dazu der konstante starke Nordwind. Es hat super geklappt, wir hatten ein halbtägiges Schönwetterfenster. Und das haben wir genutzt.

Schleierkante, Cima della Madonna, Palagruppe, Dolomiten, Italien

Schleierkante, Cima della Madonna, Palagruppe, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

Der Fels bietet eine gigantisch schöne Kletterei im festen Kalk, 12 Seillängen bis zum fünften Schwierigkeitsgrad. Aber alpin abgesichert, nur ab und an eine Rostgurke von Haken, und es war eiskalt. Am Gipfel schien sogar die Sonne. Wir sind dann einige Seillängen abgeseilt und abgeklettert und haben in der Hütte eine große Brotzeit gemacht. Euphorie – Christian ist total happy.
Von der Hütte sind wir südwestlich des Cimerlo (2503 m) abgestiegen ins Valle dei Canali, haben es gequert und sind aufgestiegen zum Passo Cereda (1361 m). Wir sind dort im Rifugio Cereda. Es war ein langer Tag. Wir sind heute nur 1000 Höhenmeter und 16 Kilometer plus 1800 Höhenmeter Abstieg gelaufen, aber mit der Kante war es ein ausgefüllter Tag.

Schleierkante, Cima della Madonna, Palagruppe, Dolomiten, Italien

Schleierkante, Cima della Madonna, Palagruppe, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

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12. Tag – 05.09.2010

Jede, auch noch so schöne Tour darf und muss irgendwann ein Ende haben und wir wollen sie nicht künstlich verlängern. Deshalb fällen wir schon Frühmorgends am Passo Cereda die Entscheidung bis zur Strasse in Aune durchzulaufen. Ein Monstertag steht an. Gleichzeitg freuen wir uns aber auch auf das Ende der Tour und damit auf Zuhause. Wortkarg starten wir bei Dunkelheit, wir treffen einen olivgrünen, erstaunten Jäger. Dann folgt ein schweißtreibender sehr alpiner Aufstieg – 1000 Höhenmeter zum warmwerden, über steile Schotterfelder, entlang an abweisenden graugelben Felswänden. Feuchte Luftmassen umgeben uns, schwere Wolken hängen an den Graten, dazwischen geht mystisch die Sonne auf. Um uns herum einsame Felswildniss. In der Forcola di Comedon gönnen wir uns eine kurze Pause, ein paar Schlucke Wasser und eine Fruchtschnitte.

Sasso Largo, Dolomiten, Italien

Sasso Largo, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

Dann folgt ein ständiges Auf- und Ab. Immer wieder rechnen wir wie viel Höhenmeter es heute wohl werden. Im Süden sehen wir das Flachland. Dutzende Gemsen äsen an satt grünen Hängen. Der Abstieg zum Rifugio Boz (1718 m) kostet uns wertvolle Höhenmeter. Aber mittlerweile haben wir uns fallen lassen. Wir akzeptieren den heutigen Tag egal wie lang er wird. Das Wetter bleibt mystisch und verwunschen, dazu die perfekte Harry Potter Kulisse. Über karge Kämme und grüne Kessel, steile Hänge und zuletzt genussvoll breite Wege erreichen wir am Nachmittag das Rifugio Piaz (1993 m). Ein letzter Cappucino, ein letztes Stück Kuchen und es geht weit hinab in den Ort Croce del Aune (1015 m). Eine Monsteretappe mit 35 Kilometern und 2300 Höhenmetern  liegt hinter uns. Wir sind überglücklich und um eine schöne Erfahrung reichen, es waren 12 perfekte Tage am Berg.

Sasso Largo, Dolomiten, Italien

Sasso Largo, Dolomiten, Italien – Foto: Bernd Ritschel

 

 

Weitere Infos finden Sie hier:

Homepage von Bernd Ritschel

Buchvorstellung von “TIROL – Land in den Bergen”

Buchvorstellung von “Fotografie – Berge, Landschaft, Outdoor, Action”

Quelle: Bernd Ritschel

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