Buchtipp: TIROL – Land in den Bergen

Buchtipp:

TIROL – Land in den Bergen

Ich möchte Euch hiermit den frisch erschienenen Bildband “Tirol – Land in den Bergen” von Bernd Ritschel und Susanne Schaber vorstellen. Endlose Bergketten mit vergletscherten Gipfeln und verwitterten Zinnen und Zinken aus Fels, saftig grüne Almwiesen, Flüsse, in denen das Wasser perlt. Städte mit langer Geschichte, Bergwerke, uralte Bauernhöfe: die vielen Seiten von Tirol. Faszinierend und doch auch schwer zu fassen. Oft genug verschwindet das Land im Schatten der Klischees.

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Bernd Ritschel und Susanne Schaber suchen neue Wege. Ihr Buch setzt sich dem Wesen Tirols auf die Spur, jenseits der festgefahrenen Bilder. Die Fotos folgen den Felsen, Gipfeln und Bergen, dem Wasser und den Flüssen, den Wiesen und Wäldern, dem Schnee und dem Eis: Die Kamera zeigt uns das Land, wo es elementar ist. Die Texte begegnen den Menschen, ihren Lebenslinien und damit ihrer Kultur und Geschichte. Tirol zeigt seine vielen Gesichter: die imposanten und doch auch fragilen Landstriche, den Alltag und die Perspektiven seiner Bewohner. Ein Bildband, der im Heute wurzelt. Er öffnet den Blick. Und lässt dieses Land lustvoll auf unausgetretenen Pfaden neu erkunden.

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Leseprobe:

Und in der Ferne das Meer

“Und niemand weiss , wie es sich mischt: Der Regen, sie Erde und das Gras, der Wind, das Licht.” (Hermann Lenz)

“Hochalpine Schiroute, nicht markiert, sehr steil, siebzig Prozent Gefälle.” Ein Schild warnt. “Zeitweise extrem hart und eisig, bei Sturz Lebensgefahr.” Noch ist davon nichts zu bemerken. Nebelschwaden jagen über die Seegrube und das Hafelekar. Von Fernsicht keine Spur.

Die Innsbrucker Nordkettenbahn ist über die Waldgrenze und zwischen Felsen nach oben gezogen. Die Bergstation liegt auf 2269 Metern. Sie duckt sich ans Gestein, macht sich kleiner, als sie ist. Schneewechten drängen ans Gemäuer, der Sturm prescht gegen die weiße Wand. Die Kabine gondelt zurück nach unten. Es ist still, nichts zu hören als das Fauchen des Windes. Ein weiteres Schild. “Hier verlassen Sie das markierte und gesicherte Gelände.” Ein schmaler Pfad steigt den Hang hinauf und gabelt sich auf der Kuppe. Rechts geht es zur Hafelekarspitze, links zur Seegrubenspitze. Die Wege münden im Nirgendwo, die Gipfel verstecken sich. Irgendwo müssen sie sein. Sie geben nichts von sich preis.

Dann eine Bö, ein Ruck. Der Wind reißt das Gewölk auf. Ein erstes Stück blauer Himmel macht Versprechungen. Ein paar Minuten später gibt sich das Grau geschlagen. Es klart auf. Nach und nach taucht die Welt aus den Schwaden. Das Dahinstapfen auf dem vereisten Steig wird zur Gratwanderung. Wohin sich nun wenden? Nordwärts, wo sich das Karwendel auftut und zeigt: endlose Bergketten mit verwitterten Gipfeln, Zinnen und Zinken, tief verschneite Wälder und Almwiesen, ein dunkler Talgrund, der durch die Landschaft mäandert. Kein Mensch zu sehen, auch keine Hütte und kein Haus. Nur Natur.

Doch die Augen wollen weiter und suchen den Süden. Ein spektakuläres Panorama auch hier: die Kitzbüheler und Zillertaler Alpen, die Hohen Tauern und Tuxer Voralpen, die Stubaier. Im Inntal eine in alle Richtungen wachsende Stadt, Innsbruck. Ein Gewirr von Häusern, Türmen und Straßen, von Kirchen, Bahnlinien und Brücken. Dazu die Bergiselschanze, die Autobahn und der Flughafen, Seilbahnen und Liftanlagen. Hier hat der Mensch seine Spuren hinterlassen.

Nedersee - Ötztal

Nedersee – Ötztal – Foto: Bernd Ritschel

Die vielen Seiten von Tirol. Lustvoll zu erfahren, spannend zu erkunden, aber auch schwer zu fassen. Oft genug verschwindet das Land hinter all den Klischees, die den Blick verstellen. Tirol war nie allein das hinterwäldlerische Alpenländchen, in dem Einfalt, Gottesfurcht und blinde Heimatliebe regierten. Dass sich hinter den Bergketten andere Gipfel und Ländereien ausbreiten, dass weit in der Ferne das Meer liegt mit neuen Horizonten, das wusste man. Schon im Mittelalter blühte der Handel mit Hamburg, Lissabon und Rom, mit Venedig, Antwerpen und Danzig. Dazu kamen die Reisenden, die sich seit vielen Jahrhunderten ihre Wege durchs Gebirge suchten. Die Passagen über Fernpass, Reschenpass und Brenner galten als wichtige Transitrouten. Händler, Soldaten und Pilger, Könige und Abenteurer brachten einen Teil ihrer Welt mit ins Land.

Natürlich gab es auch den Alltag der Bauern, den Kampf um das Überleben, das Wissen um die Natur und deren Unwägbarkeiten. Landschaftsformen und Witterungsverhältnisse setzten natürliche Grenzen. Berge und Abhänge, Sumpfgebiete und breit verzweigte Flussbette ließen den landwirtschaftlichen Flächen wenig Raum. Tirol konnte sich kaum je allein von den Erträgen seiner Äcker und Wiesen ernähren. Und trotzdem avancierte die bäuerliche Lebensart zum Inbegriff der Tiroler Identität. Der Tourismus setzte aufs Alpine. Lederhose und Dirndl, Schützen und Schilehrer, Jodeln und Schuhplatteln wurden bis ins Unerträgliche strapaziert. Eine Strategie, die der Region Wohlstand sicherte. Sie verlor sich dabei auch ein Stück weit aus den Augen.

Inzwischen ist man dabei, sich wieder selbst zu finden und neu zu verorten. Eine Gratwanderung auch dies: bei sich zu bleiben und sich fremden Erwartungen nicht vorbehaltlos zu fügen und gleich gleichzeitig über die eigene Nasenspitze hinauszuschauen. Das Selbstbewusstsein und -verständnis stehen auf diese Weise auf anderem Boden. Das Wissen um Geschichte und Traditionen, jenseits von Mythen und Folklore, öffnet den Blick und macht empfindsam dafür, wie kostbar und fragil die Lebenswelt ist, in der das Land wurzelt.

Der vorliegende Band erkundet das Nord- und Osttirol von Heute und setzt sich seinem Wesen auf die Spur. Die Fotos folgen den Felsen, Gipfeln und Bergen, dem Wasser und den Flüssen, den Wiesen, Äckern und Wäldern, dem Schnee und dem Eis. Die Texte begegnen den Menschen, ihren Lebenslinien und Perspektiven.

Schrammacher - Zillertaler Alpen

Schrammacher – Zillertaler Alpen, Tirol – Foto: Bernd Ritschel

Tirol steckt im Wandel, ein schwieriger und zugleich inspirierender Prozess. Europa ist größer geworden. Nun gilt es, seinen Platz zu finden. “Wenn ein Mensch von zu Hause aufbricht und immer weiter geht”, so John of Mandeville, legendärer Reisender und Pilger, “dann kommt er eines Tages an seine eigene Tür zurück.” Zurück zu sich selbst und an den Ort, an dem er wurzelt. Dort ist es dann gut sein.

Hoch hinaus

Die langsame Erkundung der Berge

“Man kann nicht bergauf kommen, ohne bergan zu gehen. Und obwohl Steigen beschwerlich ist, so kommt man doch dem Gipfel immer näher, und mit jedem Schritt wird die Aussicht freier und schöner. Und oben ist oben.” (Matthias Claudius)

“Es gibt Abende, da ist niemand hier oben, und es schneit, und ich weiß, dass es jetzt viele Kilometer um mich herum keinen Menschen gibt. Das mag ich sehr.” Brigitte Parson lacht. Selten genug, dass sie dieses Gefühl in Ruhe genießen kann. Sie ist nicht oft allein, zumindest nicht im Sommer. Jahr für Jahr übersiedelt sie im Juni auf den Berg und bleibt dort bis Anfang Oktober. Brigitte Parson ist Hüttenwirtin. Seit 2008 hat sie die Adolf-Pichler-Hütte im Sellrain gepachtet und sich damit einen Lebenstraum erfüllt.

Fast fünfundzwanzig Jahre hat sie darauf gewartet. So lange lebt sie schon in Axams. Der Liebe wegen, wie sie erzählt, ist sie von Garmisch nach Tirol gezogen. Und diese Liebe hat sie zum Bergsteigen und Klettern gebracht. Schon damals taucht erstmals der Wunsch auf, eine Hütte zu führen, zusammen mit ihrem Mann. Doch das Vorhaben lässt sich einfach nicht realisieren.

Nach ihrer Scheidung geht sie es neuerlich an. Im Laufe der Zeit hat Brigitte Parson viele Hütten kennengelernt. Nun weiß sie, was sie will: Sie sucht das alpine Gelände, nicht die Almwiese oder den Ausflugsgasthof. Nicht zu weit von der Zivilisation entfernt sollte die Unterkunft liegen, damit sie ab und zu auch nach Innsbruck kommen würde, ins Kino oder Konzert. Das ist ihr wichtig. Und vor allem wünscht sie sich eine Hütte, die sie nur in den Sommermonaten bewirtschaften kann. Brigitte Parson ist Steuerberaterin, ein Beruf, der ihr wichtig ist und den sie nicht aufgeben mag. Sie spricht sich mit ihrem Büropartner ab: Ob man sich die Arbeit nicht so aufteilen könnte, dass sie von Juni bis Oktober beurlaubt sei? Er ist einverstanden. Nun scheint der Weg frei.

Rissbach im Risstal - Karwendelgebirge

Rissbach im Risstal – Karwendelgebirge – Foto: Bernd Ritschel

Brigitte hält die Augen offen. Sie merkt, dass ihr die Adolf- Pichler-Hütte unweit von Axams nicht mehr aus dem Kopf geht: ein zweistöckiges Haus auf fast 2000 Metern Höhe, direkt am Fuß der Kalkkögel gelegen. Die Nordtiroler Dolomiten, wie man sie nennt: schroffe Felswände, ein kantiges Gemenge von Zinnen, Zacken und Rinnen, steile Pfade, die sich nach oben winden, Kletterrouten verschiedenster Schwierigkeitsgrade. Bergwiesen reichen bis an den Stein heran, Almrosen und Kiefern wurzeln zwischen den Felsbrocken. Direkt neben der Adolf-Pichler-Hütte weisen Schilder in alle Himmelsrichtungen: zur Starkenburger und zur Potsdamer Hütte, zum Hoadlsattel und weiter in die Axamer Lizum, über das Sendersjöchl zur Franz-Senn-Hütte. Dazu die Steige auf die Gipfel: auf die Schlicker Seespitze, die Nockspitze und den Steingrubenkogel. Viele Perspektiven.

Im Herbst 2002 wendet sich Brigitte Parson erstmals an den Besitzer der Adolf-Pichler-Hütte, den Akademischen Alpenklub Innsbruck, um nach Möglichkeiten der Pacht zu fragen. Das Haus sei in festen Händen, erfährt sie. Aber so schnell gibt Brigitte nicht auf. Sie stellt sich dem Hüttenwart vor, einem Apotheker aus Imst. Das Gespräch verläuft angeregt.

Brigitte Parson ist eine Frau mit Lebenserfahrung, schlank, das blonde Haar kurz geschnitten, das Lachen herzlich und warm. Dass sie begeisterungsfähig ist, spürt man sofort. Gleichzeitig steht sie mit beiden Beinen auf der Erde. Das wird auch dem Magister der Pharmazie schnell klar. Die Bewerberin gefällt ihm. Natürlich müsse im Fall des Falles auch die Zustimmung des Vorstands eingeholt werden, erklärt er ihr. Wenn es dann irgendwann einmal zu einem Wechsel käme. Seinen Segen habe sie jedenfalls. Die beiden werden handelseins.

Nun beginnt das Warten. So vergehen Jahre. Viel Zeit für Brigitte, sich ihr Vorhaben wieder und wieder durch den Kopf gehen zu lassen und es von allen Seiten zu beleuchten. Sie spürt immer deutlicher, wie ernst es ihr mit ihren Plänen ist. Im Spätsommer 2007 scheint sie endlich am Ziel. Der Pächter hat gekündigt, die Adolf-Pichler-Hütte ist neu zu vergeben. Umso größer die Enttäuschung, als man ihr mitteilt, dass man in der Klubversammlung entschieden hat, das Haus wieder einem Mann oder einem Paar anzuvertrauen. Die schwere Arbeit am Berg traut man einer Frau nicht wirklich zu. Zur Hütte gehören ein kleines Wasserkraftwerk, eine Kläranlage, die eigene Wasserversorgung. Dazu kommt die Auflage, die Zufahrt, eine steile Schotterstraße, laufend instand zu halten. Das alles sei einer alleinstehenden Frau nicht zuzumuten, befinden die Herren des Klubs.

Hoher Seblaskogel - Stubaier Alpen

Hoher Seblaskogel – Stubaier Alpen – Foto: Bernd Ritschel

“Ich war irre enttäuscht”, erinnert sich Brigitte Parson, und ihre Augen blitzen. “Aber das dauert bei mir nie lange. Ich dachte mir einfach: So nicht, ich lasse mich nicht einfach abschütteln.” Einen Tag später geht ein Brief nach Innsbruck. Für jedes einzelne Problem hält sie eine Lösung bereit: Ihr Cousin aus Garmisch, der selbst ein Wasserkraftwerk betreibt, wäre im Notfall innerhalb einer Stunde auf der Hütte, um zu helfen, lässt sie den Akademischen Alpenklub wissen. Außerdem hat sie genügend findige Handwerker und Freunde bei der Hand, die bei technischen Schwierigkeiten jederzeit einspringen können. Und überhaupt: Brigitte Parson hat ein stimmiges Konzept vorzulegen, wie sie die Hütte führen möchte. Eine gute Küche ist ihr wichtig, mit möglichst vielen Produkten aus Tirol. Zudem will sie zu Lesungen und Konzerten einladen und einen eigenen Raum für Seminare und Feiern anbieten. Brigitte Parson hat bei einem befreundeten Hüttenwirt praktiziert und auf der Kemater Alm gearbeitet, sie weiß, was auf sie zukommt. Auch das steht in diesem Brief. Ob das alles reicht?

Brigitte Parson wartet neuerlich. Die Stelle des Pächters ist inzwischen offiziell ausgeschrieben worden. Es melden sich siebzig Bewerber, einige von ihnen mit langjähriger Erfahrung. Bange Wochen. Dann der erlösende Anruf aus Innsbruck: Man gebe ihr eine Chance und wolle es einen Sommer lang mit ihr versuchen. Brigitte Parson jubelt. Sie beginnt sich gedanklich in der Hütte einzurichten. Das Haus ist weitläufig: neun Zimmer mit vierundzwanzig Betten, zwei Lager mit insgesamt siebenunddreißig Schlafplätzen, eine große Terrasse, der Gastraum und die Stube. Monatelang bereitet sie sich auf ihre erste Saison vor: Auf der Terrasse vor der Hütte will sie eine Bar bauen, sie braucht eine Geschirrspülmaschine und einen Kaffeeautomaten, für die Kinder möchte sie einen Spielplatz einrichten. Zuletzt findet sie auch noch das passende Auto, um die Steigung zu bewältigen. Sie kauft sich einen uralten Landrover, einen Defender, wüstenerprobt. Was soll jetzt noch schiefgehen? Anfang Juni 2008 übersiedelt sie mit Sack und Pack in die Höhe. Nun kann das Abenteuer kommen.

“Die Alpen wirken einerseits als das Chaos, als die ungefüge Masse des Gestaltlosen, das nur zufällig und ohne eigenen Formsinn einen Umriss bekommen hat, das Geheimnis der Materie schweigt heraus, von der man an den Konfigurationen der Berge mehr mit einem Blick erfasst, als in irgendeiner anderen Landschaft.” So Georg Simmel über Die Alpen, jene sich himmelwärts drängenden Fels- und Gipfelregionen, in denen sich das Transzendente spiegelt.

Ahornspitze - Zillertaler Alpen

Ahornspitze – Zillertaler Alpen – Foto: Bernd Ritschel

Wütenkar, Fluchtkogel und Brechhorn, Beilgrube, Fleischbank und Wilde Platte, Schussgrubenkogel, Totenkarspitze und Hölltörl. Wilder Pfaff, Hohe Kirche und Predigtstuhl, Sonntagswand, Seelenkogel und Himmelreich. Bergnamen lehren das Fürchten. Sie fordern das Wagnis heraus und weisen den Übermut in die Grenzen, sie erinnern an die eigene Endlichkeit und an die Hoffnung auf eine Rettung von oben.

Über viele Jahrtausende hinweg bleiben die Tiroler Bergregionen terra incognita. Nichts, woran sich die Menschen wirklich ergötzen.

Ab und zu verirrt sich ein Schaf oder ein Rind, und man steigt ihm nach, so gut und weit es eben geht. Um dabei vielleicht noch einen Blick auf die andere Seite des Passes zu werfen: Liegen dort saftige Wiesen, auf denen noch keine Tiere grasen? Mineralien- und Kräutersammler klettern bergwärts und kehren mit vollen Körben heim, Jäger folgen dem Wild bis über die Baumgrenze. Der Großteil der Alpenbewohner aber wagt sich kaum je in den Fels. Auf den Gipfeln, so heißt es, wohnen die Götter, ihnen gilt es zu opfern. Zu nahe darf man ihnen nicht kommen.

Als die Römer die Straßen ausbauen, ziehen immer mehr Menschen durch Tirol. Man beobachtet die steilen Wände, hofft auf gutes Wetter und ist froh, wenn man die Passage durchs Gebirge unversehrt hinter sich gebracht hat. “Ähnlich der Unterwelt”, so der römische Politiker und Dichter Silius Italicus, “türmt sich in den Alpen die Erde auf und verdeckt durch ihre himmelstrebenden Massen das lichte Gewölbe des Firmaments. [!] Jäher Schwindel ergreift den Reisenden, wenn er zu den wolkentragenden Gipfeln hinaufblickt.”

Erst Francesco Petrarcas – mutmaßliche – Besteigung des Mont Ventoux am 26. April 1336 gilt als Geburtsstunde des Alpinismus. Eine Tour “lediglich aus Verlangen, die namhafte Höhe des Ortes kennenzulernen”, wie er in einem Brief festhält. Mit der Renaissance beginnt man, die Berge als ästhetische Landschaft zu entdecken und weitere Hügel und Gipfel zu erklimmen. Die Maler rücken an, die Wissenschaftler, die in den Alpen ein reiches Betätigungsfeld vorfinden, und mit ihnen auch die Wanderer. Als Jean- Jacques Rousseau seine Jünger aus den Stuben in die Natur schickt und damit eine neue, romantisch beseelte Schwärmerei fürs Grün und Grau auslöst, brechen die Menschen immer öfter in die Alpen auf. Die weißen Flecken auf den Landkarten der Erde sind weniger geworden, nun sucht man die Herausforderung des Berges, um dabei sich und seiner Weltsicht zu begegnen.

“Auf einem hohen, nackten Gipfel sitzend”, so Goethe 1784 in seinem Fragment Über den Granit “und eine weite Gegend überschauen kann ich mir sagen: Hier ruhst du unmittelbar auf einem Grunde, der bis zu den tiefsten Orten der Erde hinreicht [!].”

Im späten 18. und beginnenden 19. Jahrhundert machen sich vorzugsweise Briten auf den Weg zu den höchsten Spitzen, zuerst zum Mont Blanc und in die Schweizer, später auch in die österreichischen Alpen. Die Touren gleichen Expeditionen: Es gibt keine ausgebildeten Führer, es gibt keine Zufahrtsstraßen, keine sicheren Routen, keine Schutzhütten. Als Lager dienen Felshöhlen oder Zelte, als Verpflegung hat man Schwarzbrot, Speck und Käse dabei, dazu Tee, Kaffee oder auch Rotwein und Schnaps. Und weil man am höchsten Punkt auch seine Spuren zu hinterlassen sucht, sammeln sich dort Erinnerungsstücke aller Art: Speckschwarten und Münzen, Steinmännchen, Gipfelfahnen und improvisierte Kreuze. Inschriften und Tafeln in den Felsen, Flaschen, in deren Inneren man seine Visitenkarte verschließt: die Vorläufer des Gipfelbuchs.

Eine Idee der Briten auch dies. Spätestens 1857, mit der Gründung des Londoner Alpine Clubs, der ersten alpinen Vereinigung, gilt es unter vermögenden jungen Männern als chic, sich mit dem Berg zu messen. Ihre Sprache spiegelt den Kampf: Steilwände und Felsen müssen erobert, die Berge bezwungen werden, deren Spitzen wie eine Festung eingenommen und ihrer Jungfräulichkeit beraubt werden. Der Sieg über den Berg wird zum Triumph, dessen höchste Spitze zur Trophäe. Der forty-miles-a-day-man avanciert zum sportlichen Idol.

Zirbe am Obersee - Defereggental

Zirbe am Obersee – Defereggental – Foto: Bernd Ritschel

Kopfschütteln in Tirol. Die Bergbewohner begegnen den fremden Bergsteigern mit Unverständnis und Spott. Was suchen die auf den Gipfeln, dort, wo die armen Seelen hausen, die Wiedergänger, Putze und Saligen? Die neue Einnahmequelle freilich – die Gäste müssen essen, schlafen und geführt werden – ist höchst willkommen. Man beäugt einander argwöhnisch. Die meisten Alpentouristen sitzen auf dem hohen Ross. Die Tiroler werden als dumpf und ungebildet abgetan, als schmutzig, bigott oder abergläubisch. Hermann von Barth etwa, als Erstbesteiger im Karwendel weithin bekannt, beklagt sich über die Höttinger Alm, wo er unter dem “mehr als tirolerischen Schmutz und ungastlichen Charakter ihrer halbwilden Bewohner” zu leiden gehabt habe, die “nur durch reichliche Branntweinspende zu besänftigen” gewesen sein sollen.

Man arrangiert sich, ist aufeinander angewiesen. Immer mehr Menschen drängen nach oben. In Tirol sind es neben den Engländern vornehmlich die Bergsteiger aus dem Osten Österreichs und aus Böhmen und Bayern, die aufbrechen, um die höchsten Gipfel zu erreichen. Auch die Einheimischen – unter ihnen Gletscherpfarrer Franz Senn oder die Bergführer Leander Klotz und Alois Tanzer – entdecken ihre Liebe fürs Klettern. Und schließlich folgen auch zunehmend mehr Frauen ihrer Leidenschaft fürs Hochgebirge. Lange Zeit scheinen die Alpen eine männliche Welt geblieben zu sein. Der Berg, der Gipfel, der Fels, der Grat, der Abgrund. Bis auch Frauen in die Höhen steigen und die Mythen und Mystifikationen männlicher Eroberungsfantasien und Siegerposen zu brechen beginnen. Sie stoßen auf Vorurteile und praktische Hürden: Ihr Rock solle mit “zwei dreiviertel Meter Umfang am Saum genügend Bewegungsfreiheit fürs Klettern zulassen”, schreibt Clinton Thomas Dent in seinem legendären Bergsteigerlehrbuch und doziert munter weiter: “Man trage über dem Rock einen Gürtel von starkem Band, an ihm stecke man den Rock fest. Je nach Bedürfnis kann man ihn mehr oder weniger hoch aufnehmen.” Die alpinistische Literatur boomt. Erlebnisberichte, Führer und Lehrbücher erscheinen, geologische Studien, Beobachtungen zur Fauna und Flora, Romane und Gedichte. Dazu kommen die Schilderungen der eigenen Triumphe, die sich in den Salons und an den Wirtshaustischen zu Heldensagas auswachsen. Grabkreuze, wie etwa jene am Bergfriedhof von Vent, sprechen eine andere Sprache: Hier ruht in Gottes Namen Peter Paul. Geboren in Gurgl 1832, verunglückt am Similaun, den 24. 7. 1890. – Hier liegt Christian Riess, Hochschüleraus Wien, geboren am 10. November 1910, abgestürzt am Mutmal am 26. Juli 1929. Friede seiner Seele. – In loving memory of Jack Howard and Kenneth Armstrong who lost their lives in these mountains, January 13, 1935. Good friends they rest together.

Skitour Eiskögele - Oetztaler Alpen

Skitour Eiskögele – Oetztaler Alpen – Foto: Bernd Ritschel

Der Wunsch nach dem Miteinander führt zu neuen Seilschaften.

Man schließt sich zu alpinen Vereinigungen zusammen. Der Österreichische Alpenverein wird gegründet, gefolgt vom deutschen, die beiden fusionieren 1873. Die Erschließung der Tiroler Berge schreitet voran, man legt Steige an und errichtet Hütten. Jede größere Sektion des Alpenvereins trachtet, sich mit einem Haus oder einer Hütte ein Denkmal zu setzen. Besonders die deutschen Vereinsmitglieder werden aktiv und bauen nach Kräften: die Breslauer Hütte, die Dortmunder Hütte, die Berliner Hütte, die Erlanger Hütte. Hier feiert man sich selbst. Bis zum Ersten Weltkrieg entstehen im Auftrag des Alpenvereins über dreihundert Schutzhütten mit mehr als achttausend Betten und Lagerplätzen. Aus dem Bergsteigen, einer Liebhaberei einiger Exzentriker, ist eine Massenbewegung geworden.

In jene Zeit fällt auch die Gründung des Akademischen Alpenklubs Innsbruck, der sich im Mai 1893 formiert. Allein im ersten Jahrzehnt seines Bestehens zählen die Mitglieder weit über sechshundert Erstbesteigungen, vor allem im Karwendel und im Wettersteingebirge, in den Mieminger, Lechtaler, Stubaier und Ötztaler Alpen. Auch der Wunsch nach einer eigenen Hütte verschafft sich Raum. In den Sommern 1903/1904 errichtet man die Adolf-Pichler-Hütte: ein Gemeinschaftswerk aller Klubbrüder. Die Baustoffe müssen zu Fuß heraufgetragen werden, jedes Brett, jeder Ziegel geht von Hand zu Hand. Mit der Wahl des Namens für die Hütte verneigt man sich vor Adolf Pichler, einem der damals renommiertesten Mineralogen, Geologen und Schriftsteller des Landes.

Im Juni 2008 eröffnet Brigitte Parson ihre Hütte. Die Leute kommen, Stammgäste, viele Freunde, aber auch Neugierige. Man will wissen, wie es die neue Pächterin dort oben schafft, eine Frau, fast ganz allein. Auch die Herren vom Alpenklub, die erst 1993 die Mitgliedschaft von Akademikerinnen zugelassen haben, beobachten die neue Pächterin. Doch die ursprünglichen Vorbehalte zerstreuen sich ohnehin: Man ist begeistert. So eine wie sie hat man gesucht.

Brigitte Parson hat sich keine Illusionen gemacht. Eine Hütte zu führen, ist ein anspruchsvolles Unterfangen. Brigittes Tag beginnt um sechs Uhr früh. Sehr viel zeitiger wollen auch ihre Gäste nicht raus. Zuerst wird der Holzofen in der Backstube eingeheizt. Den Sauerteig für das Brot hat Brigitte schon am Vortag angesetzt. Er wird mit den weiteren Zutaten gefüttert, sechs Laibe landen im Rohr. Spätestens um sieben steht das Frühstück auf den Tischen. Kurz nach acht sind die meisten Wanderer aus dem Haus. Inzwischen sind auch Brigittes Mitarbeiter auf den Beinen und packen mit an. Zwei Helfer oder Helferinnen hat sie angestellt, am Wochenende sind es mehr. Der Vormittag vergeht schnell: Zimmer, Lager und sanitäre Anlagen müssen geputzt, das Essen für den Tag vorbereitet werden. Gegen elf treffen die ersten Wanderer ein.

Brigittes Karte ist klein, und das nicht ohne Grund: Nichts kommt aus der Dose, es gibt kein convenience food. Alles wird frisch gekocht, mit Produkten aus der Gegend. Brigitte hat mit Liebe verkostet und für gut befunden. Den Speck bezieht sie aus Axams, den Bergkäse aus Grän im Tannheimer Tal, Butter und Milch von einem Hirten der Kemater Alm. Es gibt Speck- und Kasknödel, Graukas und saure Wurst, Fleischkäse mit Ei, Hauswurst mit Kraut, überbackene Polenta. Danach noch die Kuchen: Topfenstrudel, Mohn- und Nusszöpfe aus dem Holzofen, Schwarzplentene Torte.

Am späten Nachmittag geht es neuerlich ans Kochen: das Abendessen für die Gäste, die über Nacht bleiben. Wenn Brigitte das Licht in der Küche abdreht, sind die Müden schon im Bett. Um elf Uhr ist Hüttenruhe, meistens zumindest. “Wenn`s gerade besonders lustig ist, kann`s auch länger dauern, bis zwölf oder halb eins.” Brigitte lacht. “Und wenn die Jäger und Hirten heraufsteigen, wird`s auch zwei oder drei in der Früh. Da krieche ich dann am nächsten Tag aus den Federn.”

Friedl und Frieda Kneisl

Friedl und Frieda Kneisl – Foto: Bernd Ritschel

Die Arbeit ist hart, das gibt sie zu. Auch an der Verantwortung trägt sie manchmal schwer. Oft genug macht sie sich Sorgen, ob Wanderer, die am Morgen bei ihr losgezogen sind, sicher in der nächsten Hütte eingetroffen sind. Die schnellen Wetterwechsel in den Bergen können tückisch sein. “Unlängst ist eine Kletterin abgestürzt, die habe ich in die Innsbrucker Klinik gebracht. Ich habe dann noch gewartet, bis sie gut versorgt war. Als ich auf die Hütte zurückgefahren bin, war es drei Uhr früh.” Morgens weiß sie kaum je, wie viele Leute an diesem Tag zu verköstigen sind, ab und zu packt sie die Angst, sie könnte zu wenig eingekauft haben und die Gäste hungrig ins Tal oder Bett schicken müssen. Die nächsten Geschäfte sind weit, alles will gut und vorausschauend organisiert sein. “Man muss schon auf sehr vielen Ebenen arbeiten”, meint Brigitte, “das ist wirkliches multitasking.” Dazu das viele Stehen, das Heben. Und wenn es dann noch gewittert und kleine Muren die Zufahrtstraße verlegen, wenn sie weiß, dass sie im Morgengrauen aufstehen und den Schutt wegräumen muss, dann spürt sie schon, wie sie körperlich ans Limit kommt.

Aber das ist mitunter das Einzige, was Brigitte beunruhigt. Der Umgang mit den Menschen entschädigt für vieles. Die Höhenluft lockert die Zungen und öffnet die Herzen. Die Gespräche gehen oft über Alltagsthemen hinaus. Das verbindet. Und überhaupt: Seit sie die Hütte führt, fühlt sie sich von den Einheimischen viel stärker akzeptiert. “Ich lebe ja schon lange in Axams, aber inzwischen schaut man mich ganz anders an. Ich hab´ an Hochachtung gewonnen, hab´ plötzlich einen ganz anderen Draht zu den Leuten, grade auch zu den Bauern und Hirten.” Das freut sie.

Ob ihr in diesen Sommern nicht der Rückzugsort fehlt, die Zeit für sich? Kopfschütteln. Nein, überhaupt nicht. Ab und zu fährt Brigitte nach Innsbruck, und wenn es sich irgendwie ausgeht, macht sie sich zwischendurch kurz davon, klettert auf die Ochsenwand oder steigt auf den Steingrubenkogel. In der Hütte bewohnt sie ein kleines Zimmer, allein der Raum, in dem sie wirklich lebt, ist um ein vielfaches größer. Ihn will sie nicht mehr missen. “Zwischen den Gipfeln mitten in der Natur zu sein, das ist so schön, da möchte ich mit niemandem tauschen.”

Der Pachtvertrag für die Adolf-Pichler-Hütte ist schon zweimal verlängert worden, nichts, was dagegen spräche, dass Brigitte Parson nicht noch viele Jahre hier oben Dienst tun könnte. Angekommen am Ziel ihrer Wünsche? Sie lacht. Da gibt es diesen Satz, meint sie: Wen die Götter strafen, dem erfüllen sie seine Träume. Doch davor muss sie sich nicht fürchten, der Sehnsüchte gibt es noch viele: ein paar Monate in New York zu leben, einmal quer durch Südamerika zu reisen und dort noch den einen oder anderen Gipfel zu besteigen. Es geht weiter und weiter, den Hügel hinauf. Dahinter wartet noch eine Vielzahl anderer Täler und Berge. Und immer wieder ein schützendes Dach.

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Der Fotograf:

BERND RITSCHEL wurde 1963 im oberbayerischen Wolfratshausen geboren und lebt heute in Kochel am See. Der international renommierte Fotograf veröffentlichte zwanzig Bildbände (z. B. Ötztaler Alpen oder Zillertaler Alpen), ein Foto-Lehrbuch, Kalender, hält Vorträge und Foto- Wokshops. Seit mehr als zwei Jahrzehnten liegt ein Schwerpunkt seiner Arbeit in Tirol.

Die Autorin:

SUSANNE SCHABER wurde 1961 in Innsbruck geboren, hat dort studiert und lebt heute als Literaturkritikerin und Reiseschriftstellerin in Wien. Zahlreiche Ausstellungen und Bücher, darunter zahlreiche Veröffentlichen gemeinsam mit Cees Nooteboom (Suhrkamp) und in der Reihe Picus-Lesereisen, u. a. Herr Hofer und sein Hosenträger – Tiroler Gratwanderungen.

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“TIROL – Land in den Bergen”

Ein Porträt mit Bildern Bernd Ritschel und Texten von Susanne Schaber

256 Seiten, 164 großformatige farb. Abb,

25,5 x 32,5 cm, gebunden mit Schutzumschlag

ISBN 978-3-7022-3084-5

Erschienen im September 2010

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Weitere Infos finden Sie hier:

www.tyrolia-verlag.at

Homepage von Bernd Ritschel

Quelle: Tyrolia Verlag

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